Menüplan vom 08.03.2010 bis 12.03.2010
Bon Appetit
Der Mensch, als Individuum gefangen in einem Ensemble gesellschaftlicher Produktionszwänge, ist immer noch fleißig bemüht, weiterhin genau die Verhältnisse zu reproduzieren, die es ihm gerade nicht erlauben, sein „Menschsein“, endlich mal zu Verwirklichen. So und so ähnlich klingt die tägliche Jeremiade der Untergangspropheten die das globale Netz durchzieht.
Wenn aber heute selbst ein Heiner Geißler, als 80jähriger Herz-Jesu-Sozialist, ehemaliger CDU-Generalsekretär und Jesuitenzögling, im „Attac-Chor“ bei der globalen Erweckungshymne: »Another world is possible«, mitswingt, dann dämmert es so ganz langsam auch dem letzten gläubigen Medienkonsumenten, dass er die vorhandene Welt der Krisen und Kriege nicht unbedingt als das Ende der menschlichen Geschichte akzeptieren sollte.
Der Umstand, dass sich der Kapitalismus dabei eine Welt nach seinem Bilde geschaffen hat und weiter schafft und dass diese Welt, dann in unserer Wahrnehmung, uns als Individuum wiederum, als eine fremde und feindliche Macht gegenüber tritt, der wird zwar beklagt, aber dafür wird dann auch der Traum von einem erfüllten, sinnvollen und kreativen menschlichen Leben, als eine rosarote Utopie belächelt und damit als Glücksversprechen an die Zukunft delegiert.
Ist es doch gerade dieser Traum, der von unserer Bewusstseinsindustrie liebevoll, in ständig neuen „soap-operas mit happy-end“ verpackt, als ewiger Hoffnungsschimmer am Ende des Regenbogens, am Leben gehalten wird. Aber die Aufgabe dieser Industrie ist es eben auch, dafür zu sorgen, dass der Traum keine Realität gewinnt und dass er uns nur als reines Infotainment erhalten bleibt.
Während dabei die eigenen Lebensentwürfe im Alltag an den bekannten Widersprüchen, also zwischen den Hoffnungen von einst und den Realitäten von heute, zerbröseln, bleibt das große Glückversprechen als „amerikanischer Traum“ so jederzeit, wenigstens medial, präsent. „Heute heißt es voller Pathos“, schreibt Gerhard Zwerenz, Ernst Bloch zitierend, in der Zweiwochenschrift „Ossietzky“: „Die Hoffnung stirbt zuletzt – was man wohl so verstehen muss, dass wir alle erst gestorben sein müssen, damit keiner bemerkt, dass es nichts zu hoffen gab. Wenn alle nur noch hoffen, dann bleibt halt nicht mehr viel zu hoffen.“
Dabei ist der „Mensch“ aber immer nur als ein Produkt seiner jeweiligen Kultur und Gesellschaft begreifbar. Er hat noch nie ohne diese gesellschaftlichen Produktionszwänge existiert und überlebt. Dieser Umstand, der macht damit natürlich auch jede Vorstellung von einem menschlichen Wesen, das sich dieser durch die kulturellen Verhältnisse vorgegebenen „Entfremdung“ entziehen und jetzt außerhalb jeder Form von Kultur und Gesellschaft ein „ursprüngliches und echtes Menschentum“ verwirklichen will, zu einer Illusion.
Während es laut Adorno kein richtiges Leben im falschen gibt, signalisiert Ernst Bloch, laut Gerhard Zwerenz, das scharfe Gegenteil: Es gibt ein richtiges Leben im falschen, man muss sich nur trauen. Und dass mit Lust.

„Die Kommunisten scheiterten an der versprochenen Klassenlosigkeit, die SPD-Genossen am deklarierten Sozialstaat. Konnte die Sowjetunion das Kapital nicht abschaffen, schafft das globalisierte Kapital die Arbeit ab, indem es sie teils exportiert, teils durch Automaten, Roboter oder Electronic ersetzt. Da aber nur Arbeiter Steuern zahlen, nicht jedoch Roboter, Automaten und Milliardäre, geht der Staat Pleite. Die radikale Analyse führt zur Einsicht in die totale Niederlage der europäischen Linken. Die Sozialdemokratie als Hauptfeind der Kommunisten und Garant des Sozialstaates ist mit dem Verschwinden der Kommunisten überflüssig geworden und übernimmt die Funktion konservativer Volksparteien,“ fasste Zwerenz die Lage der Nation 2003 zusammen.
Und damit landete er dann schon 5 Jahre vor der Krise bei Schumpeter, auch der hielt den Kapitalismus nicht für überlebensfähig, auch der sah seine Gefährdung durch die auf ihn selbst zurückwirkenden Konsequenzen seines Erfolgs voraus, insbesondere durch das Veralten der Unternehmerfunktion und die damit einhergehende Zerstörung der ihn schützenden gesellschaftlichen Schichten.
Mit der Aufhebung der Konvertabilität des Dollars zum Gold (Bretton Woods, 1971) und der Kündigung der festen Wechselkurse 1973 wurde die Kumpanei zwischen Big Business, Big Government und Big Labour schrittweise beendet, sie hatte ihre ökonomische Funktion verloren und damit zerplatzte dann auch der Nachkriegs-Mythos, das Versprechen von Wohlstand und Arbeitsplätze „für ALLE“, wie eine Seifenblase.
Zum Abschluss noch ein handliches Marx-Zitat, von Zwerenz extra für das HERRschaftliche Feuilleton ausgesucht und dort zum Üben des aufrechten Ganges anempfohlen: „In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen.“




