Glasperlenspiele im Kristallpalast
„Im gesamten Westen ist das Verhältnis der Marktnormen zu den Sozialnormen aus dem Ruder gelaufen, und über die “Asozial-Gemeinschaften” der Schwellenländer muss man sich gar nicht erst groß unterhalten,“ schreibt Richard David Precht in der ZEIT.
Stimmt, denn das hat Peter Sloterdijk, der feuilletonistische Dampf-Plauderer der philosophischen TV-Gemeinde, bereits mit seiner Beschreibung des „Weltinnenraum des Kapitals” erledigt. Bei ihm lebt die Gesellschaft des industriellen Westens im „global age”, in der flauschig-warmen Treibhausatmosphäre eines „Kristallpalastes“ dessen Außenwände aus reiner „Kaufkraftverfügbarkeit” bestehen und die damit natürlich den Innenraum hermetisch abschotten. Die Bewohner dieses Treibhauses frönen einem modernen Baal-Kult, dem man auch mit dem Etikett „Konsumismus” versehen könnte, so fasst der ehemalige FAZ-Blogger, Thomas Strobl, das Buch zusammen und kommentiert genüsslich den Frontalangriff des Frankfurter Philosophen Axel Honneth auf seinen Karlsruher Kollegen Peter Sloterdijk. Glasperlenspiele auf gehobenem Party-Niveau im feuilletonistischen Zeitalter.
Auch der Shooting-Star der neuen deutschen Populär-Philosophie, R. D. Precht ignorierte in seinem Zeit-Artikel das von Sloterdijk eigenhändig aufgestellte Warnschild, das natürlich auch an ihm, als einen der Bewohner dieses Palastes, gerichtet war: „Be careful what you wish for!”. Denn dieses Schild soll all diejenigen, die das offenkundige Missverhältnis in Sachen Komfort zwischen Innen- und Außenwelt und zwischen den oberen Penthäusern und den Kellergewölben und miefigen Zwischengeschossen durchschaut haben, ermahnen und zu Sloterdijks Einsicht bekehren: „Eure semantische Konstruktion der Menschheit als Kollektiv von Trägern gleicher Wohlstandsrechte war und ist kostenlos, nur die Realität ist es leider nicht!”
Für Sloterdijk wird der moderne Wohlfahrtsstaat damit zu einer “institutionalisierten Kleptokratie”, der jetzt zusammen mit einer bunten Liste an Schöpfungen und Schröpfungen, die überwiegend dem Konsum der Bewohner des Kristallpalastes dienen, sein Unwesen treibt. Er kommt zu dem phänomenalen Befund: “ das voll ausgebaute Steuerstaaten jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus reklamieren, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, dem antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen. Dies ist ein politisches Dressurergebnis,“ stellt Sloterdijk erstaunt fest, „das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen.”
Philosophen, so lautet eine Selbstdefinition von Peter Sloterdijk, seien von Amts wegen wehrlos gegenüber Einsichten in größere Zusammenhänge. Aber muss diese Wehrlosigkeit jetzt ausgerechnet als "Philosophisches Quartett im Bett mit Guido Westerwelle“ zelebriert werden? Muss er seine intellektuelle Wehrlosigkeit unbedingt im String Tanga der Volksverdummung anbieten, kann er seine philosophischen Blößen nicht wenigstens mit einem Hauch von Basismaterial bedecken. Oder ist diese Art von geistigem Exhibitionismus den dankbaren Abnehmern in den bürgerlichen Medien geschuldet, die mit dieser Erbauungsliteratur ihre Feuilletonspalten aufpeppen. Noch habe ich die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass auch in den bürgerlichen Medien mal ein Umdenkprozess einsetzen könnte, der dann zu der Erkenntnis reift, dass man als Zeitung besser überleben kann, wenn man den Leser wieder als Kunden begreift und nicht nur als das, was man meint, der Werbung treibenden Wirtschaft verkaufen zu müssen.
Aber was weder Westerwelle noch Sloterdijk bei Ihrem antifiskalischen Bürgerkrieg erwähnen und was sie anscheinend, genauso wie ihre Zielgruppe die FAZ-Leser, überhaupt nicht ungerecht finden, das ist die einfache Tatsache, dass diese oberen fünfzig Prozent der Bevölkerung 82 % des Gesamteinkommens beziehen und zu diesen 50% gehört man in Deutschland schon mit einem Salär von schlappen 25.000 Euro im Jahr.
Berlin, als Hauptstadt der drittgrößten Wirtschaftsnation der Welt, weist dagegen ein Armutspotential auf, das alleine knapp 19 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung zu Arbeitslosengeld II Beziehern macht. Nur zum Gesamtsteueraufkommen, da gehören auch die indirekten Steuern, wie die Mehrwertsteuer und die belastet diese Bezieher von geringen Einkommen bzw. von Transferleistungen unverhältnismäßig schwer. Der Anteil der Lohn- und der veranlagten Einkommensteuer (24,5% + 4,6%) lag 2007 bei etwa 30 Prozent am Gesamtsteueraufkommen und der Anteil der Umsatzsteuer lag sogar knapp darüber, bei 31,5%.
Doch anstatt nun zu untersuchen, weshalb in unserer Gesellschaft, die Sloterdijk in seinem Kristallpalast so schön nach ihrer „Kaufkraftverfügbarkeit” ordnet, immer mehr Bewohner von der Leistungserbringung ausgeschlossen werden, da ist es natürlich viel einfacher, als verbeamteter, medial fest etablierter Kunst-Professor, mit solcherlei Textproduktionen den eigenen Marktwert zu erhöhen und sei es mit der Forderung den Anspruch dieser „Nicht-Produktiven“ an den Staat weiter einzuschränken.
Denn Arbeit zu “geben”, dazu ist weder die jammernde bürgerliche Elite, die sich an ihren Privilegien klammert, noch das Wirtschaftssystem in der Lage. Die Zahl der Beschäftigten in der Industrie verzeichnete gerade den stärksten Rückgang seit mehr als zwölf Jahren, die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden hat im Jahresvergleich um 10,4 Prozent abgenommen, außerdem sank die Summe der Bruttolöhne und -gehälter allein im Juli um acht Prozent. In den 30 Industrieländern könnten im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres 57 Millionen Menschen ohne Job dastehen. Das entspricht einer „offiziellen Arbeitslosenquote“ von rund zehn Prozent.
Eine der Blasen, die in der Finanzkrise geplatzt sind, ist die meritokratische Legitimation der Lebenschancenverteilung. Während in einer meritokratischen Gesellschaft die soziale Schichtung nach sozialer Herkunft wenigstens dem Anschein nach noch durch eine soziale Schichtung nach individueller Leistung ersetzt werden kann, hier wird das Leistungsprinzip auf der Basis einer Chancengleichheit im Bildungserwerb zum entscheidenden Grundprinzip, hat unsere politische Elite dieses System nicht erst mit der Einführung von Studiengebühren längst beerdigt. Wenn sich aber in dieser Logik individuelle Leistung nicht mehr lohnt, erinnert sei an die „Bildungsrevolution“ unter Willy Brandt, und soziale Ungleichheit nicht mehr mit rationalen Kriterien wie Talent, Anstrengung und Leistung legitimiert werden kann, dann ist auch der Zusammenhalt der Gesellschaft nicht mehr gewährleistet.
Im Zehnjahresvergleich von 1998 bis 2008 hat eine gigantische Umverteilung stattgefunden, ein Rückgang der Reallöhne um 4 Prozent und eine Steigerung der Unternehmensgewinne um 60 Prozent. In dieser Zeit stieg die Zahl der atypischen Beschäftigungsverhältnisse um 46,2% und die der Solo-Selbstständigen um 27,8% an. Demgegenüber ist ein Rückgang der Normalarbeitsverhältnisse um 3,0% zu beobachten.”
“Tatsächlich besteht derzeit gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Beziehern von Null-Einkommen oder niederen Einkünften, die von Abgaben befreit sind und deren Subsistenz weitgehend von den Leistungen der steueraktiven Hälfte abhängt,“ beschwert sich Sloterdijk. Als philosophische Speerspitze des Bürgertums stellt sich für ihn die gesellschaftliche Bewältigung dieser Entwicklung vom wahren Mensch hin zu der Ware Mensch natürlich nur im Diskurs von Haben und Nicht-Haben, bei ihm wird damit alles zu einer Frage von „Kaufkraftverfügbarkeit”.
„Sollten sich Wahrnehmungen dieser Art verbreiten und radikalisieren, könnte es im Lauf des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu Desolidarisierungen großen Stils kommen. Sie wären die Folge davon, dass die nur allzu plausible liberale These von der Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven der längst viel weniger plausiblen linken These von der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital den Rang abläuft,“ bereitet Sloterdijk schon mal den FAZ-Leser auf die Zukunft vor.
Nur Schade für unseren Philosophen, dass das Kapital gezwungen ist, um seiner selbst willen immer wieder Wege in die Produktion zu finden, denn eine Vermehrung und Werterhaltung in der Zirkulation ist leider nur fiktiv möglich. Natürlich wird auch das Waren produzierende Industriekapital spekulativ investiert, immer in der Erwartung, dass die Güter, die mit seinem Einsatz fabriziert werden, anschließend auch verkauft werden können, und zwar mit einem Gewinn. Schlägt diese Spekulation fehl, bleiben die Waren liegen, Anlagen stehen still, Arbeitskräfte werden entlassen.
Scheut das Kapital aber den Umweg über die Produktion und treibt statt dessen Blasen in der Zirkulation, dann ist deren Platzen zwar ärgerlich für die Anleger, nur der Arbeitsmarkt, der war schon vorher ruiniert, wie Herr Sloterdijk richtig erkannte, denn wie sonst würde es dazu kommen, das derzeit gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Beziehern von Null-Einkommen oder von niederen Einkünften besteht????
„Die Vollbeschäftigung der Goldenen Jahre des Nachkriegskapitalismus hatte gegen Ende der sechziger Jahre zu einem annähernden Gleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit geführt – nicht gesamtgesellschaftlich, aber immerhin auf dem Arbeitsmarkt. Mit der Durchsetzung der Informationstechnologie in der Produktion ging diese Etappe zu Ende, das Kapital gewann wieder einen Vorsprung“, so beschreibt Georg Füllberth die Entwicklung.
Es ist symptomatisch für unsere Gesellschaft, dass die alleinigen Nutznießer dieses Vorsprungs auch noch die letzten Reste des Sozial-Staates aufkündigen wollen und über postdemokratische Konsequenzen philosophieren, anstatt in einem nicht mehr wachsenden Kapitalismus die inherente Verteilungsproblematik allgemeinverträglich zu lösen. Aber unsere Elite baut, zur Absicherung der gesellschaftliche Vereinbarung über die Eigentumsgarantie, lieber den Überwachungsstaat aus, sie plant lieber den BND zum Staatssicherheitsdienst aufzurüsten und wünscht sich den Einsatz der Bundeswehr auch im Inneren des sloterdijkschen Kristallpalastes.
Da bleibt einem dann als Bürger nur zu hoffen, dass die Scheiben dieses Palastes nicht zu Bruch gehen und es nicht zu einer neuen Reichskristallnacht kommt.


