comfactory

        Ihre kreative Basis in Berlin







Alles eine Frage des Glaubens



Da hatte ich mir im April ein paar Zeilen unter der schönen Headline: „Rettet den Kapitalismus“ aus den Rippen geschwitzt, habe ironisiert, polemisiert und fantasiert und dann belehrt mich mein sonntäglicher Besuch, Ende Juni am Krankenbett: „ Marx ist tot.“
 
Stimmt, konnte ich ihm da nur zustimmen und zwar seit 1883. Aber unbeeindruckt von meiner Kreuzworträtsel-Bildung fuhr er fort: Er habe den Glauben an Marx schon lange verloren. Dabei ahnte er nicht einmal, dass er damit genau den Nagel auf den Kopf und nicht den Nagel auf dem Daumen getroffen hatte. Eben, das mit dem „GLAUBEN“, das war sein Fehler.
 
Denn nur deshalb konnten sie auch im Kreml mit Marx umgehen, wie im Vatikan mit Jesus, verkündigte schon Wolfgang Neuss im Berliner Exil, lange bevor er den Hanfstrick, an dem ihm die Freie Presse der Frontstadt am liebsten hätte baumeln sehen, lieber in Rauch aufgehen lies. Der Glaube der Erstunterzeichner so einer wirklich aufrichtigen, medienfreundlichen und verbindlichen Erklärung, wie die von 1980, erinnern Sie sich noch, „Wir arbeiten nicht für Springer!“, die hielt auch nur solange, bis die ersten Unterzeichner als Korrespondenten der Welt von sich reden machten.
 
Auch der Glaube an die SPD, die unter dem Zweispänner Schröder & Lafontaine versprach, die Karre aus dem Kohlschen Reformstau-Sumpf zu ziehen und die deshalb beide so nette Glaubensbekenntnisse wie „Innovation und Gerechtigkeit“, mit der Betonung auf dem UND, von allen Wahlkampfkanzeln predigten, lies nach der Messe auch noch den letzten aufrechten Sozialdemokraten vom Glauben abfallen.
 
Dabei hatte man schon in den 80zigern, mit der außer Kraftsetzung des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes, dass die gleichrangige Beachtung der Ziele Preisstabilität, Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum und eine ausgeglichene Außenhandelsbilanz zwingend vorschrieb und bis heute vorschreibt, alle Glaubensbekenntnisse über Bord geworfen und begeht seit nun mehr über 20 Jahren munter und unbelastet aller Glaubensdogmen Gesetzesbruch.
 
Aber welche Regierung, die als Hohepriesterin der neoliberalen Erweckungsbewegung angetreten ist, kümmert sich schon um Gesetze? Für die Aufrechterhaltung des Glaubens sind heute die Massenmedien zuständig, denn die besitzen, genau so wie früher die Pfarrer, jene gewisse Kenntnis des Unerforschlichen, wie sie die Redlichkeit der Armen befördert und die Gemütsruhe jener nicht stört, die eine unfehlbare Vorsehung in Herrenhäuser wohnen lässt.

 


Das ist jetzt keine Erkenntnis von Carlos dem Bartträger, von wegen Opium fürs Volk und so, sondern das stammt von Joseph Conrad, dessen „Herz der Finsternis“ nicht nur Francis Ford Coppola als Drehbuchvorlage für Apocalypse Now diente, sondern dessen Romane noch immer den Erfahrungshorizont erweitern und den Hintergrund erhellen, der heute unter dem Glaubensedikt „Friedensverteidigung“ und „Demokratieaufbau“ postkoloniale Anstrengungen medial verkleistert.

Konnte der deutsche Landser vor '45 noch aus eigener Anschauung den schönen Glaubensreim: „Hinter dem ersten deutschen Tank, kommt gleich die Dresdner Bank“ zitieren und mag er auch noch an den Endsieg und seinen bescheidenen Anteil an der Beute geglaubt haben, so müsste er eigentlich nach '45 von diesem Glauben geheilt worden sein.

Die Wiedererweckung dieser wilhelminischen Glaubensgrundsätze wird heute in vorderster Front von der Commerzbank betrieben. Sie verkündet mit ihrem „Cellar Appell“ die frohe Botschaft, dass Deutschland, als rohstoffarmes, Export orientiertes Land auf Stabilität und Sicherheit und damit auf Auslandseinsätze der Bundeswehr angewiesen ist. Übersetzt ins Pickelhauben-Deutsch: „Vaterlandsverteidigung am Hindukusch ist Rohstoffgewinnung für die deutsche Wirtschaft und sichert damit den Aufschwung und schafft Arbeitsplätze!“

Vor der "hochkarätig besetzten Konferenz" legte deshalb auch der Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank, Klaus-Peter Müller sein Glaubensbekenntnis ab und verkündete: Das "Wohl und Wehe der Vereinigten Staaten" und damit natürlich auch der deutschen Exporte, hänge bei einem Leistungsbilanzdefizit von rund 800 Milliarden Dollar "geradezu besorgniserregend" von der Bereitschaft "asiatischer Investoren ab, ihr Geld in den USA anzulegen". Ihnen verdanke es die US-Regierung, dass sie "hohe Haushaltsdefizite und das Rüstungsbudget überhaupt finanzieren" kann.

Otto Köhler zog deshalb auch in der Wochenzeitung Freitag, vom 20.6., dass ist das Blatt, das sich neuerdings Augstein junior leistet, ein Fazit reinen Glaubens: Auch die Freiheit der Finanzmärkte, muss für die Commerzbank am Hindukusch verteidigt werden, weil sonst asiatische Investoren ausbleiben könnten. Und jeder, der die Freiheit unserer Finanzmärkte auch und gerade im militärischen Einsatz verteidigen will, wird deshalb freudig sein Konto bei der Commerzbank eröffnen.

Mehr als die Hälfte der Bundesbürger, 53% ist inzwischen vom Glauben abgefallen. Sie glauben, nach einer Umfrage im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, nicht mehr daran, dass die Demokratie in der Lage ist, Probleme zu lösen. Insgesamt zweifelt jeder dritte Bundesbürger an der Effizienz des demokratischen Regierungssystems, dieses Drittel, habe sich, so ein Mitarbeiter der SPD-Stiftung , womöglich bereits von der Demokratie verabschiedet.

Anscheinend genau so, wie sich in der US-Metropole New York 40% der Einwohner vom Glauben an den amerikanischen Traum verabschiedet haben, die haben, Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizit hin und Rüstungsetat her, ganz einfach Probleme satt zu werden. Einer im Juni veröffentlichten Studie der New York Food Bank zufolge fiel es im vergangenen Jahr 3,1 Millionen New Yorkern schwer, das nötige Geld für Essen aufzubringen. Und mit Kohldampf im Bauch, da fällt es dann selbst US-Bürgern nicht immer leicht, den Glauben an die heilende Kräfte des Shareholder-Value zu bewahren.

Eine „Kritik der politischen Ökonomie“ ist halt kein Glaubenstraktat.