Kain & Abel und die europäische Friedensordnung
Wenn man das Medienecho auf die historische Wahlniederlage der SPD in der vergangenen Woche verfolgt hat, fällt auf, wie das Ziel der Linkspartei die Militärbündnisse durch eine europäische Friedensordnung abzulösen neuerdings zum Tabu-Thema hochstilisiert wird.
Dabei bewahrte die Menschheit vor 47 Jahren nur eine Stimme vor einem Atomkrieg. Es war die Stimme von Wassili Alexandrowitsch Archipow, einem sowjetischer Marineoffizier, der während der Kubakrise mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Dritten Weltkrieg verhindert hat. Archipow war auf dem sowjetischen, mit nuklearen Torpedos bestückten U-Boot B-59 stationiert, als dieses am 27. Oktober 1962, ohne vorheriges aggressives Verhalten, von US-amerikanischen Zerstörern eingekesselt und mit Übungs-Wasserbomben attackiert wurde um ein Auftauchen zur Identifizierung zu erzwingen. Auf der einen Seite war den amerikanischen Streitkräften die nukleare Bewaffnung des U-Bootes nicht bekannt, auf der anderen Seite ging Walentin Sawizki, der Kapitän des U-Bootes, aufgrund des Beschusses davon aus, dass ein Krieg bereits begonnen haben könnte, lese ich auf wikipedia.
„Offenbar ein Mann mit ziemlichen Cojones“ schreibt der ehemalige FAZ-Blogger Thomas Strobl in seinem Blog weissgarnix, denn „wir sollten nicht vergessen: Die Rede ist von sowjetischen Befehlshierarchien auf der Höhe des Kalten Krieges, »Normenkonformität« in einem gruppendynamischen Prozess ist auch etwas, was mir (Strobl) dabei durch den Kopf geht. Dass da einer sich wirklich hinstellt und seinem Vorgesetzten und Offizierskollegen sagt: “Nöö Jungs, das ist eine echt blöde Idee” – Wie oft passiert das denn?“
Eben, und da stigmatisieren unsere Medien die Linkspartei, nur weil sie weiterhin an einer
gesamteuropäischen Friedensordnung festhält, nur weil sie weiterhin daran glaubt, dass der Umbruch in Osteuropa die militärische Bedeutung von Bündnissen verringert aber gleichzeitig dafür ihre politische Bedeutung erhöht hat?
Strobl setzt sich in seinem Artikel mit Slavoj Zizek und seinem Buch “Auf verlorenem Posten” auseinander, dass die Risiken für die Allgemeinheit in einer globalen Welt, die sich bisweilen aus lokalen Entscheidungen und Handlungen ergeben, thematisiert.
Was ist also falsch daran, wenn diese Militärbündnisse bei Wahrung der Stabilität, ihre Auflösung und den Übergang zu einer europäischen Friedensordnung organisieren? Ist es nur die Perspektive für das Ende der Stationierung amerikanischer und sowjetischer Streitkräfte außerhalb ihrer Territorien, die damit eröffnet wird?
Warum wird die alte Forderung der SPD nach einer europäische Friedensordnung, die der Forderung der Linkspartei von heute im Kern entspricht, die nach dem Ende der Blockkonfrontation und nach dem Fall der Mauer formuliert wurde heute wieder zu einem Dogma erklärt, geht es wirklich nur darum sich vom politischen Gegner abzugrenzen?
Dieses Dogma würde doch nur dann Sinn machen, „wenn man die Entwicklung der NATO Politik einschließlich der Intervention außerhalb des NATO-Bereichs, einschließlich der militärischen Intervention zu Gunsten der Rohstoffversorgung unseres Landes, einschließlich der massiven Aufrüstung der mittel- und osteuropäischen NATO-Staaten und vor allem einschließlich der Osterweiterung bis an die Grenzen Russlands und am Ende auch noch unter Einschluss von Ukraine und Georgien für sinnvolle Taten hält,“ kann man dazu auf den Nachdenkseiten von Albrecht Müller lesen.
Ist das der Grund, warum auf die von Freunden und Gegnern der Sozialdemokratie heute immer wieder gestellte Frage, ob denn Sozialdemokraten und Kommunisten nicht eigentlich Brüder seien, wieder mit dem vermeintlichen Todschlagargument von Kurt Schumacher geantwortet wird: Auch Kain und Abel waren Brüder!
Als ich vor Jahren in meiner zweiten Heimat, in der Karibik, das Bordbuch von Columbus gelesen habe, da fiel mir auf, dass er sich besonders immer wieder darüber wunderte, dass die Kultur der Ureinwohner dieser Insel keinen Diebstahl und keine Waffen kannte. Für die Tainos, in der heutigen Dominikanischen Republik und in Haiti, da galt vor 500 Jahren noch das Tötungstabu, ihre Kultur war matriarchalisch organisiert, sie war absolut gewaltfrei, das LEBEN stand im Mittelpunkt ihres Denkens und Nahrung war ganzjährig im Überfluss vorhanden.
Zur selben Zeit, im November 2006, brachte mir eine Nachbarin, deren Freundin die Touristen-Clipper reinigt, die Spiegel-Ausgabe mit der Titelschlagzeile „Die Deutschen müssen das Töten lernen,“ vorbei. Es ging in dem Heft mit dem Rambo-Cover um die Ausweitung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan. Der Satz war ein Zitat, das ein Vertreter der Bush-Administration gegenüber dem Beauftragten der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Beziehungen, Karsten Voigt, geäußert haben soll und da erinnerte ich mich, das diese Aufforderung auch der Kazike Enriquillo an sein Volk gestellt hatte, denn aus irgend einem Grund bestand dieses Tötungstabu der Tainos für ihn nicht.
Wieso konnte es auch bei den Christen dazu kommen, dass der Heilsbringer Paulus das Recht der römischen Imperialmacht über das Gebot: „Du sollst nicht töten“, stellen konnte, und damit eine Traditionslinie begründen, die sich bis zu den Gotteskriegern heutiger Tage hinzieht.
„Da das Bewusstsein von vorneherein schon ein gesellschaftliches Produkt ist und bleibt, so lange überhaupt Menschen existieren“ habe ich mal bei Carlos dem Bärtigen gelernt, scheint mir auch hier wieder mal ein Fall von biblischem „Brainwashington“ vorzuliegen.
Es lässt sich nämlich auch eine ganz andere "Wahrheit?" aus der Fabel vom Brudermord lesen und auch diese Wahrheit steht im Einklang mit der Wurzelbedeutung der Worte, die uns überliefert wurden. Nach dieser Übersetzung ging es um den Kampf zwischen "matriarchalischem Denken", ein Bewusstsein, dass den Menschen, genauer DAS LEBEN in den Mittelpunkt eben dieses Denkens stellt und "patriarchalischem Denken", also ein Bewusstsein, dass bereit ist, Leben zu opfern um damit dann DIE MACHT über andere Menschen zu legitimieren.
Nur mit dieser Übersetzung, da wird Kurt Schumachers Todschlagargument: „Auch Kain und Abel waren Brüder!“ vom Kopf auf die Füße gestellt.
Die Leute Abel waren "Hirten", nur der Begriff, den wir heute als "Hirte" lesen, beschrieb damals das "Führerprinzip". Das Bild des guten Hirten, mit seiner Herde von Gläubigen, wird sehr häufig im alten Testament bemüht, diese Linie setzt sich über Jesus, die Apostel, bis zum Papst fort. Keiner käme auf die Idee, diese „guten Hirten" mit Schafzüchter zu übersetzen und keiner würde heute diese „Lämmer Gottes“, also die gläubige Gemeinde, mit Viehherde übersetzen. Warum also dann ausgerechnet beim „Brudermord"?
Die Leute Kain hingegen dienten der Adamah, steht in der Bibel. In der hebräischen Sprache wird die weibliche Form eines Wortes häufig durch die Anfügung des Konsonanten „h" gebildet. Wie bei isch und ischah, Mann und Frau, Adam wäre danach Mann, Mensch und Adamah wäre Frau, Menschin. Wir hätten es dann aber mit zwei Kulturen zu tun, einer patriarchalischen, auf dem Klassen und Führerprinzip aufgebauten Gesellschaftsform und einer matriarchalischen, klassenlosen Gesellschaft, in der vom LEBEN aus gedacht wurde.
Die Leute mit dem "Führerprinzip" opferten aus "ihrer" Herde, sie kannten nicht, oder nicht mehr, das Tabu des Tötens, ihre patriarchalischen Götter verlangten nach Macht und Blut, sie waren bereit im Namen dieser Götter Krieg zu führen und Menschenleben zu opfern.
Als die Leute Kain, die im Matriarchat lebten, jetzt daran gingen, sich zu wehren und ebenfalls bereit waren das Töten zu enttabuisieren, und es zu lernen, wurden sie von der "Adamah" verstoßen und sie trugen ab jetzt das Kainsmal. Trotzdem durfte die Todesstrafe an ihnen nicht vollstreckt werden und die Menschen die gegen die Gesetze der Adamah verstoßen hatten, die bauten jetzt die ersten Städte.
Die "Führerkultur" setzte sich historisch durch, die Priesterkönige nannten sich "Hirten". Die matriarchalische Kultur, die Kultur der Adamah, in der das Leben im Zentrum des Denkens stand, wurde im Sinne der neuen herrschenden Klasse uminterpretiert, nicht mehr das Leben, sondern das Streben nach Macht wurde jetzt göttlich abgesegnet.
Schrift und Sprache waren damals noch „neu" es standen noch nicht so viele Worte zur Verfügung wie heute, deshalb lässt sich die "Urversion????" noch immer aus den überlieferten Texten herauslesen.
Zuerst war das für mich nur eine der dem damaligen Zeitgeist geschuldeten Versuche das Matriarchat weiter zu verklären, Feuerbach hatte ich gelesen, aber dann kam der Spiegel und der weckte mein Interesse an der Geschichte von dem Nationalhelden der Insel, Guarocuya, den die Mönche Enriquillo nannten. Der stand vor dem gleichen Problem, wie die Menschen Kain, die der Adamah dienten, als sie auf die Menschen Abel trafen. Sein Volk, die Tainos waren matriarchalisch geprägt, sie waren unfähig Leben zu vernichten, ihr Bewusstsein stand dem entgegen, das „Töten“ war nicht in ihrem „Gedacht werden" verankert, bei ihnen galt das Tötungstabu, auch gegenüber ihren Feinden, den weißen, europäischen Eroberern.
Nur für Enriquillo bestand dieses Tabu nicht. Er wurde von spanischen Priestern im Franziskanerkloster Convento San Francisco erzogen, in einer anderen Kultur mit anderen Tabus. Sein Bewusstsein formte sich in einer katholischen Gesellschaft. So konnte er seinem Volk das Töten lehren. Der 14jährige Befreiungskampf der Tainos, organisiert von Enriquillo, war aussichtslos. Am Ende, nach 30 Jahren Besatzungsmacht, 1492 bis 1522 andere Quellen schreiben auch 1532, sollen von den über 1 Million Tainos noch ganze 500 gelebt haben.
Die dem Gemetzel entkommenen Tainos verbanden sich danach mit entlaufenen Sklaven. Diese Afrikaner übernahmen die Verehrung der letzten Königin der Tainos, Anacaona, lebten weiter in der Tradition der weibliche Erbfolge und übernahmen auch die Sprache der Tainos. So hat ihre Geschichte und ihre Sprache bis heute überlebt, wenn sie auch sehr widersprüchlich überliefert wurde, je nachdem welche Quellen man heranzieht.
Aber diese Entwicklung, die Diskussion von der „Gewalt gegen Sachen" bis hin zur Aufhebung des Tötungstabus, habe ich ab dem 2. Juni 1967, nach der Demonstration gegen den persischen Schah und den tödlichen Schüssen des Polizisten Karl Heinz Kurras auf den Studenten Benno Ohnesorg, in Berlin "hautnah" miterlebt. Die individuelle Ohnmacht, die ins Private verlagerte Wut über die staatlich legitimierte Gewalt, die führte danach zur RAF.
Die neue Übersetzung der Fabel von Kain und Abel aus dem aramäischen, die Diskussion über den „Brudermord“, über das Recht auf Widerstand und damit das Recht zum Töten, die wurde schon in alttestamentarischen Zeiten geführt. Für mich wird es Zeit, dieses Recht zur Vernichtung von Leben als reines HERRschaftsinstrument erneut mit einem Tabu zu belegen, es wird Zeit, dass wir wieder die Kontrolle über unsere Vergangenheit übernehmen, denn sonst werden wir auch keine Zukunft haben.
Gesättigt im moralischen Sinn, ist nach Sloterdijk die Globalisierung, seit dem die Opfer den Tätern die Folgen ihrer Taten aus aller Welt zurückmelden.


