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Den Kapitalismus in seinen Lauf hält …



"Amerikas soft power ist wiederhergestellt", freut sich der Harvard-Politologe Nye, 71, auf spiegel-online, der als Gast der Alfred-Herrhausen-Stiftung (Deutsche Bank) den staunenden europäischen Steuerzahlern erläutert, warum durch die Wahl Barack Obamas, allein durch seine Hautfarbe, seine emotionale Intelligenz und seinen Werdegang sich mit einem Schlag das weltweite Ansehen der USA vollkommen verändert hat und damit auch die ökonomische Niederlage der USA alles Beschämende verloren hat.

Das Erbe George Walker Bushs hat es in sich. 2001 lag die Arbeitslosenrate bei 4,2 Prozent, heute bei 6,5 %, rund 10,1 Millionen Amerikaner waren nach dieser Statistik im Oktober 2008 ohne Beschäftigung. Die Schuldenlast lag 2001 bei 5,7 Billionen Dollar, um bis Ende September 2008 auf 10,025 Billionen Dollar (knapp 7,4 Billionen Euro) zu steigen. In Zahlen: 10.025.000.000.000. Unter Clinton gab es noch ein Haushaltsplus von 261 Milliarden Dollar, unter Bush erreichte das Haushaltsdefizit in dem am 30. September abgeschlossenen Finanzjahr 454,8 Milliarden Dollar. Benzin kostete damals 1,47 Dollar die Gallone, heute 3,02 Dollar und für die Rechtsstaatlichkeit steht heute Guantanamo.

„Versinkt der Westen in Armut?“ fragt der Spiegel deshalb seine besorgten Leser und entwirft ein ökonomisches Szenario zwischen softem Sozialismus und Defizit-Desaster. Klar scheint nur zu sein, dass nichts bleibt, wie es war. Denn Angesichts der jetzt ständig neu hinzu kommenden Belastungen aufgrund der Finanzkrise und der staatlichen Rettungsmaßnahmen für die Banken erwarten Fachleute, trotz aller „soft power“, dass die Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen im neuen US-Budgetjahr auf über 700 Milliarden Dollar steigen könnte.

Die Crash-Gefahr, das sich lang angekündigte und erwartete Platzen der US- Immobilienblase und dass in dem Zusammenhang dann auch auf die Kreditkarten-Firmen Ausfälle in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar zukommen würden, das war von einigen Analysten richtig vorausgesagt worden, aber ein derart gewaltiges Beben der gesamten Finanzwelt hatte so richtig keiner auf seiner Agenda.

Droht also 2009 tatsächlich eine Weltrezession, wie der Internationale Währungsfonds erwartet? Und da alle Politiker, Ökonomen, Wirtschafts- und Zukunftsexperten, die noch gestern die Selbstheilungskräfte des Marktes beschworen und vor staatlicher Regulierung gewarnt hatten, jetzt von dieser Krise gleichermaßen unvorbereitet erwischt wurden, musste dem Mainstream-Konsumenten natürlich ein „Schuldiger“ an der Misere präsentiert werden.

"Diese Krise ist die direkte Folge der Gier und der Skrupellosigkeit der Banker und Fondsmanager" heißt es dann auch folgerichtig auf der Homepage von attac und die Pleite-Kings, wie Stanley O’Neal vom Bankhaus Merrill Lynch, der 52 Milliarden Dollar ins Nirwana jagte und dafür 161 Millionen Dollar Abfindung kassierte, werden damit zu den alleinigen Sündenböcken für ein gläubiges Publikum gestempelt.

Foto: Evangelische Kirche BayernVom Handelsblatt über die FAZ und den Spiegel bis zur Zeit erklären dieser Tage die Medien ihren Lesern, dass einzig Gier und Geiz die Wurzel allen Übels seien. Auch der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich möchte da nicht zurückstehen und prangert die extrem hohen Gehälter der Finanzjongleure an, wie das vom Chef von Bear-Sterns, James E. Cayne, der 19,8 Milliarden Dollar verzockte und dafür mit einem Jahresverdienst von 68 Millionen Dollar belohnt wurde.

Der Landesbischof warnt: "Aber ich denke, wir dürfen nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen, sondern müssen uns auch an die eigene Nase fassen, wenn wir unseren Spargroschen in Anlagen investiert haben, die wesentlich mehr Rendite versprechen, als mit eigener Hände Arbeit zu verdienen ist." Das hätte Martin Luther nicht schöner sagen können. Seinem „ora et la bora“, seiner lust- und genussfeindlichen Verzichtsethik für Andere ist deshalb auch der Speisekartentext dieser Woche gewidmet.

 


Die Banker und Fondmanager hießen zur Zeit des Bibelübersetzers noch "Kipper und Wipper" und die Schuld an der großen Inflation zu Beginn des 30jährigen Kriegs, die die Menschen als "Münzverschlechterung" erlebten, wurde, genau wie sie heute den Börsen-Gurus angelastet wird, schon damals den Münzmeistern in die Schuhe geschoben. Das die Militärausgaben der USA auf 745 Milliarden Dollar gestiegen sind und damit die Vereinigten Staaten auch unter Berücksichtigung der Inflation mehr Geld für die Kriege im Irak und in Afghanistan ausgegeben haben, als für den Vietnam-Krieg, wie die Washington Post feststellte, bleibt bei der Suche nach den Schuldigen genau so unerwähnt, wie seiner Zeit der Gelddurst der Landesfürsten, die für ihre barocke Repräsentation und Selbstdarstellung, aber vor allem für die Aufrüstung zu Beginn des 30jährigen Krieges Kapital brauchten, um Waffen zu kaufen und Landsknechte zu werben.

Damals wie heute war ein mächtiges Aufblähen der im Umlauf befindlichen Geldsumme die Folge. Das Silber behielten die Landesfürsten für ihre Rüstungsausgaben und in Umlauf gelangte immer mehr "schlechtes Geld" aus billigem Kupfer, heute wird diese abenteuerliche Zuwachsrate an Geld mit M3 bezeichnet.

Wobei die Geldbasis M0 die Summe von Bargeldumlauf und den Zentralbankgeldbestand der Kreditinstitute abbildet. M1 wird dagegen auch als reale Geldmenge bezeichnet, sie schließt M0 ein und bildet die Summe aus Bargeld und Sichteinlagen. M1 hat sich in der Vergangenheit als guter Konjunkturindikator erwiesen und weist die größte Nähe der betrachteten Geldmengen zu unmittelbaren realwirtschaftlichen Transaktionen aus. In M2 ist wiederum M1 enthalten und darin steckt M0 und jetzt kommen bei M2 noch alle Einlagen mit einer vereinbarten Laufzeit bis zu zwei Jahren und Einlagen mit gesetzlicher Kündigungsfrist bis zu drei Monaten hinzu.

Abenteuerlich wird es dann bei M3, darin stecken in den USA alle Dollar-Bar-Bestände in Banknoten und Münzen, plus die laufenden $-Girokontenbestände plus alle $-Einlagenzertifikate (z. B. $-Staatsanleihen) und alle $-Geldmarkt-Kontenbestände unter $100.000, plus alle größeren Guthaben über $100.000 (u. a. die Eurodollar-Reserven, größere übertragbare $-Wertpapierbestände, und die Dollar-Devisenbestände der meisten nichteuropäischen Länder.

Nur diese Geldmenge, die völlig losgelöst von jeden realwirtschaftlichen Handeln, auf der Suche nach Rendite um den Globus kreist, diese Geldmenge wird von der Fed, dem Federal Reserve System, also der US Notenbank, nicht mehr berechnet. Selbst die Agenten dieses höheren Strukturzusammenhangs, die neuerdings viel gescholtenen „Ruin-Virtuosen“ die schon immer billigend die Zerstörung von Ressourcen und den Bankrott ganzer Volkswirtschaften in Kauf nahmen, solange es nicht die eigene traf, können die Hebelwirkungen im Markt nicht mehr einschätzen .

Foto: bundesregierung.deHeute schreiben Wirtschaftsjournalisten immerhin, dass laut monatlicher Statistik der Deutschen Bundesbank der deutsche Anteil an M3 im August 2008 knapp zwei Billionen Euro betrug, 10 Prozent mehr als im Vergleich zum Vorjahr, und Sie warnen trocken: "Für diese Summe also müsste im Notfall die Regierung aufkommen". Das heißt übersetzt, der Steuerzahler, vollkommen egal, ob er seinen Spargroschen in Anlagen investiert hat, die wesentlich mehr Rendite versprachen, als er mit eigener Hände Arbeit verdienen konnte, wie der Landesbischof mahnend feststellte.

Weil heute wie damals das Verständnis für Geld und Finanzwesen fehlt, griffen und greifen die Menschen zu moralischen Kategorien. Nur der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger findet es "ein bisschen viel verlangt, dass jetzt ausgerechnet die Banker für die Moral zuständig sein sollen.“ Auch beklagt er im Spiegel den "phantastischen Gedächtnisverlust" aller schreibenden und handelnden Akteure, denn Zyklen von Boom und Crash, von Größenwahn und Panik gehörten und gehören halt zum Betriebssystem des Kapitalismus."
Es ist mir unbegreiflich, weshalb die ganze Welt so überrascht ist", stellt er dort lakonisch fest. Und das "der Kapitalismus mit allen kann“. Mit der Demokratie ebenso wie mit der Diktatur, mit dem Faschismus ebenso wie mit einer chinesischen Partei, die sich kommunistisch nennt, sieht er den Kapitalismus auch durch die derzeitige Weltfinanzkrise nicht in Gefahr.

Also keine Angst, wenn Ihrem Banker demnächst die Verbindlichkeiten der US Kreditkartenfirmen präsentiert werden, die sind nämlich auch in Kreditderivaten verbrieft worden und Experten schließen nicht aus, dass auch deutsche Banken Pakete mit diesen Schrottkreditkarten gekauft haben. Schätzungen zufolge kommen da nur noch einmal Verbindlichkeiten in Höhe von rund 450 Milliarden Dollar auf die weltweiten Geldinstitute zu.

Aber der brave Steuerzahler hat diesem ökonomische System bereits von höchster Stelle Absolution erteilt und ihm ein quasi metaphysisches Happy End mit der Rolle des Staates als heilsbringender Instanz bereitet. Denn „fatalerweise hat der Kapitalismus, wenigstens in unserem Teil der Welt, einen in der ganzen Menschheitsgeschichte nie da gewesenen Wohlstand hervorgebracht, auf den die meisten von uns höchst ungern verzichten würden“, meint Enzensberger.

Foto: obamamites.comDeshalb wird jetzt durch Obama das große „Change“-Spektakel eingeläutet, der Etikettenwechsel vollzogen, statt der "harten Macht" durch Atomraketen und Panzer, die „soft power“, der 'weiche' Einfluss durch Hollywood-Filme, dem Internet, Amerikanisch als lingua franca, der herausragenden Qualität amerikanischer Hochschulen und schließlich den Werten von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in einer multiethnischen Gesellschaft.

Dafür sollten Sie jetzt aber wirklich losziehen, endlich ihr Sparschwein schlachten und helfen die Finanzkrise durch Konsum abzufedern, denn auch 75 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts ging zuletzt auf den privaten Konsum zurück.