Animalische Leidenschaften
„Die Geschichte des großen spekulativen Booms und seiner Folgen ändert sich immer nur in Kleinigkeiten. Viel, viel mehr bleibt gleich“, wird der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith in der FAZ zitiert und wenn ausgerechnet „Welt online“, aus dem Hause Frieda Springer, das Neue Buch von Sarah Wagenknecht >Wahnsinn mit Methode – Finanzcrash und Weltwirtschaft< unter der Headline „Sternstunde einer Sozialistin“ vorstellt und man dann da lesen darf: “Noch vor kurzem wäre sie dafür belächelt worden, jetzt wirkt sie wie eine Hellseherin“, dann zeigt das nur, dass die Lohnschreiber aus dem Springer Verlag noch nie richtig durchblicken und auch von wirtschaftlichen Zyklen keine Ahnung haben durften.
Ganz anders der italienische Dramatiker und Nobelpreisträger, Dario Fo, der nach den Anschlägen vom 9.11.2001, die immer noch als Kriegsgrund missbraucht werden, feststellte: „ Die großen Spekulanten planschen lustvoll in einer Ökonomie, die Jahr für Jahr Millionen Menschen im Elend umkommen lässt - was machen da schon 20 000 Tote in New York aus." Die Zahl der Opfer reduzierte sich erst später auf knapp unter 3000, doch der Mainstream fand diese Erkenntnis von Dario Fo, vor dem Hintergrund, der sich ständig überschlagenden Terrorängste, geradezu frivol.
„This time is different“ – dieses Mal ist alles anders – stimmt die Bewusstseins-Industrie heute ihre Konsumenten auf die drohende ökonomische Apokalypse ein, dabei durchleben wir nur einen ganz normalen Zyklus, wie er seit der Geburt des Kapitalismus in geradezu „vulgärmarxistischer“ Regelmäßigkeit immer wieder auftritt.
Wenn es aufwärts geht, kann sich keiner der Wirtschaftsjournalisten und keiner der Finanzexperten mehr vorstellen, dass es je wieder schlechter werden könnte, und so erklären sie die Gegenwart stets zur „New Economy“. Gilt es doch im Aufschwung den Profit zu sichern und die Lohnforderungen des Prekariats möglichst auf dem Ausgleich des Inflationsniveaus einzufrieren und den Rest der Lohnempfänger auf kommende goldene Zeiten zu vertrösten. Eine Technik, die früher die katholische Kirche zur Meisterschaft entwickelte, die auch nach den bürgerlichen Revolutionen von unseren Medien weiter gepflegt wurde und auf die selbst in den Arbeiter und Bauern Paradiesen kein Funktionär verzichten wollte.
Kommt dann aber der Abschwung, mit fallenden Börsen-Kursen, mit Unternehmen, denen die Aufträge weg brechen, mit Steuerzahlern, die jetzt ihre Arbeit verlieren, dann hat die Gesellschaft diese Verluste zu tragen, denn sonst droht der Weltuntergang, die große Depression, aus der wir dann alle nie mehr rauskommen.
Das nähere regelt wie immer der Staat, denn alle Regeln, Anordnungen, Vorschriften und Gesetze wurden schon immer von den Privilegierten ersonnen und erlassen und haben nur die Aufgabe, eben diese Privilegien zu schützen. Der legendäre Oskar Panizza brachte es mal auf den Punkt, als er schrieb: „ Mit Hausknechten hält man den Hof sauber. Aber den Hof selbst erringt der Hausknecht nie."
So sprang in den USA der Anteil der Profite der Finanzunternehmen an den gesamten Unternehmensgewinnen des Landes (nach Steuern) von weniger als fünf Prozent im Jahr 1982 auf 41 Prozent im Jahr 2007«, schreibt Martin Wolf im Februar 2008 in der »Financial Times«. Nicht anders war es in Großbritannien: Dort wurde ein Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung von Hedge-Fonds erzielt. Kein Wunder also, dass sich beide Staaten vehement gegen eine Regulierung und Beaufsichtigung des Finanzmarktes wehrten.
Dieses »Fiktive Kapital«, diese hochspekulative Finanzprodukte, die so genannten Derivate, die in der Ära von US-Notenbankchef Alan Greenspan (1987 – 2006) geschaffen wurden, vor allem seit Ende der neunziger Jahre, sind laut dem Investment Tycoon aus Omaha, Warren Edward Buffett »Finanzielle Massenvernichtungswaffen«. „Sie bergen Gefahren, die im Augenblick zwar verborgen, potentiell jedoch Tod bringend sind,“ warnte Buffett bereits seit Ende 2002 in zahlreichen Interviews und Zeitungsartikeln.
Das von den Medien gerne benutzte Bild von dem „Finanz-Tsunami“, also einer von den Göttern geschickten Naturkatastrophe, der dann der Mensch leider hilflos und vom Schicksal gebeutelt, ausgesetzt ist, diese Vorstellung ist schlicht falsch.
Denn über die Wirkungsweise dieser Waffen, die mit »fiktivem Kapital« schießen, das sich eben nicht aus der Warenproduktion ableitet und das losgelöst von der menschlichen Arbeitskraft in Computern generiert wurde, war man sich nicht erst seit 2002 vollkommen im klaren, auch darüber, welche Verwüstungen in der realen Ökonomie bei einem Platzen der Blase angerichtet werden würde.
Zur Bewältigung einer ökonomischen Krise wurde früher gerne der Krieg benutzt. Die Rüstungsausgaben schufen Arbeitsplätze und die vom Patriotismus besoffenen Massen machten ihre Enteignung zum Kinderspiel. Nach den beiden Weltkriegen, nach Vietnam, nach dem Irak-Abenteuer und trotz des heldenhaften Freiheitskampfes am Hindukusch, scheint diese Form der Krisenbewältigung etwas an Attraktivität verloren zu haben, trotz neuer Ehrengedenkmäler und recycelten Eisernen-Kreuzen. Auch die paar Piratenüberfälle rechtfertigen da noch kein Wilhelminisches Flottenbauprogramm zur Rettung der Werften und der Arbeitsplätze.
Laut der „Zeit“ aus Hamburg bescherte der Vietnamkrieg der US-Wirtschaft „den größten Boom ihrer Geschichte“, diesen Boom bezahlten die USA nach ihrer Niederlage dann mit der Aufgabe des bis 1973 Gold gedeckten Dollars und einer ersten großen Verschuldung. Aber auch der verzweifelte Versuch, diese tickende finanzielle Zeitbombe über den Irak-Krieg vom März 2003, dessen Vorbereitungen bereits 2002 angelaufen waren, zu entschärfen, ging voll in die Hose. Die militärische Variante der Konjunkturbelebung wurde damit erneut zum Fehlschlag und hoffentlich endgültig obsolet.
Bleibt als Retter in der Not nur noch der Ökonom John Maynard Keynes, der die tolle Idee hatte, der Staat solle im Abschwung mit gepumpten, also frisch gedrucktem Geld, den Abschwung zum Stillstand bringen und dann im Aufschwung die Kredite wieder einsammeln. Klingt prima, nur da für das Wiedereinsammeln dieser Gelder immer die Zustimmung und das Wohlwollen der neuen Besitzer dieses frisch investierten Kapitals notwendig ist, muss der Politiker, dem dieses Kunststück, dann gegen eine geballte Medienmacht, gelingt, wahrscheinlich erst noch geboren werden.
Dabei soll der Erfolg selbst von Roosevelts New Deal, der nach den Rezepten von Keynes verabschiedet wurde, mehr als bescheiden ausgefallen sein, lästert Hermann L. Gremliza im Januarheft der konkret, soll doch erst die Rüstungsproduktion beim Kriegseintritt der USA gegen Hitler-Deutschland die Große Depression ab 1941 beendet haben.
Der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff und seine Kollegin Carmen Reinhart, lese ich am 11.1. 09 in der FAZ, haben die Weltgeschichte der Finanzkrise seit achthundert Jahren und in über sechzig Ländern untersucht, und herausgefunden, dass es immer nur nach dem Muster von Gier und Angst geht. Finanzkrisen folgen nach ihren Erkenntnissen eben keinen ökonomischen Zyklen, sondern einem anthropologischen Impuls: „Animal Spirits“ soll sie auch schon John Maynard Keynes genannt haben: Animalische Leidenschaften.
Mit einer „Prise Marxismus“, kommt der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger übrigens zum selben Ergebnis, stellt die FAZ fest, denn was diesen Autor wundert, ist, dass die Leute von dieser Krise überrascht oder geschockt sind.
Vergessen hat man halt nur, laut FAZ, dass gerade in den Finanzkathedralen der Banken, die als die Treiber eines jeden Zyklus fungieren, nicht die kalte Rationalität das Zepter schwingt sondern der nackte „Animal Spirit“ regiert.
Also verstecken Sie ihren Kapitalraubdruck von 68, den vom ollen Marx, ruhig wieder in den hintersten Winkel ihres Bücherschrankes, besuchen sie den nächsten Zoo und studieren sie zur Bewältigung des drohenden Zusammenbruchs unserer Wirtschaft lieber das Verhalten der Affen. Denn als nackter Vertreter dieser Gattung ist auch der Mensch ein soziales Wesen, das als wesentliche Norm ethischen Verhaltens sich durch Vetternwirtschaft, Nepotismus, Schwindel und Klatsch auszeichnet. Also alles nur eine Frage der Biologie, eben der unserer animalischen Leidenschaften, unseres „Animal Spirits“.


