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Ein Herz für Plastikflaschensammler



Der Kampagnenjournalismus der Bild-Zeitung feiert fröhliche Auferstehung. Da freute sich der Chronist der Berliner High Society, Mainhardt Graf Nayhauss, vor einiger Zeit noch in seiner Bild-Kolumne darüber, das mit dem Bundeswirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg der Republik endlich der Übergang von Neoliberal zu Neofeudal geglückt ist, doch das war gestern. Da thematisierte das Revolverblatt noch für das nach Traditionen und Sicherheit lechzende Prekariat das Beharrungsvermögen fränkischen Kleinadels, dass zur Vermögensverwaltung eigens ein Familienunternehmen betreiben muss, indem der Filius früh mit wirtschaftlichen Zusammenhängen vertraut gemacht wurde.

Natürlich kann er auch Krise, belehrte einen damals die Bild. Denn der Stolz Karl-Theodors auf seinen Urgroßvater, der noch 1919 im Hof des Guttenbergischen Schlosses in Franken eine Kanone aus dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 gegen rebellierende sächsische Arbeiter in Stellung brachte, der ist ungebrochen. So löste man damals soziale Fragen, so hielt man sich in den guten alten Zeiten das Proletariat vom Leib.

Heute ist das komplizierter. Da manifestiert sich im FAZ-Blog, der „ Stützen der Gesellschaft“, der Wohlstand des Volkes im Scheinluxus der Schnäppchen, im Ramsch der Prozentejäger. Die Sales und Outlets der Konsummails, mit ihren in Vietnam zusammengeklebten Schuhen, den in der Türkei genähten Kleidern und all den Billigsegnungen des Fernen Ostens, degenerieren da zu den Tempeln bürgerlichen Glücks, gebaut für jene 70% der Bevölkerung, die sich noch die 9% des Volksvermögens teilen dürfen.

Natürlich sind das alles Dinge, die man als Trendsetter unbedingt haben muss; Dinge, die einen dazu gehören lassen zur In-Crowd, zu den Trägern eines Brands, zu einer Kaste der Marktlakaien, doch leider zittern diese Diener der Absatzwirtschaft heute um ihre massenhafte Austauschbarkeit auf dem Arbeitsmarkt. Der Konsumklimaindex gaukelt zwar weiter Kaufrausch vor, nur ist der ein politisch gewollter Mythos. Denn dieser Index erhöht sich auch, wenn die Berliner Wasserpreise weiter steigen oder die Energieanbieter die Kosten für Gas oder Strom erhöhen, die Steuern für Versicherungen anziehen oder...etc. Die Einzelhändler klagen über Umsatzeinbußen, der Verbraucher spart oder er ist pleite, nur der Konsum, der boomt, wenn auch nur in der Statistik.

Aber selbst die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung müssen jetzt den Gürtel enger schnallen. Dass ihre Schulden im Durchschnitt auf 15.000 Euro angewachsen sind, das spürt neuerdings sogar Aldi. Umsatzeinbrüche von 4,1 Prozent sind die Folge, das Minus war damit noch stärker als der durch Preissenkungen verursachte Schwund, die Nachfrage nach Nonfood-Artikeln, aus Fernost, die früher regelmäßig für Käuferanstürme sorgten, ist deutlich zurückgegangen.

Die Bild Zeitung, als Kampfblatt des fränkischen Kleinadels, die gerade noch die Vorzüge unseres Wirtschaftsministers pries, gute Figur, adrett gekleidet, schneidig, Gel in den Haaren, federnder Schritt, weltoffen, mehrsprachig, eloquent und immer mit einem charmanten Lächeln für die staunende Couchpotato-Fraktion, schürt da lieber gleich eine neue Neidkampagne.

Im Mittelpunkt dieser Neiddebatte steht diesmal aber nicht der legendäre Florida Rolf in seiner sozialen Hängematte, der das Volk der Bild-Leser damals davon überzeugte, dass Hartz IV nur zu seinem Besten sei, auch nicht die Steuersenkungen, die der Baron seinem Klientel nach der Wahl versprochen hat und auch nicht die Milliardenhilfen für die Banken und die Boni-Zahlungen an Ihre Dealer und Vorstände, die Empörung des Volkes wird geschickt auf eine Ministerin umgelenkt, deren Dienstwagen im Urlaub geklaut wurde.

 

Grafik: onlinewahn.de


"Ministerin Schamlos bei ihrem wichtigen Termin" titelt die Berliner BZ und die Bild-Zeitung unterstellt der Ministerin erst mal, wenn auch durch die Blume, eine Lüge, indem sie den Vorwurf als Frage verpackt, "Sagt die Ministerin die ganze Wahrheit?" Der Reflex zur Skandalisierung macht dabei auch vor seriöseren Medien nicht halt, schreibt „Die Zeit“, dankbar griffen auch diese das Thema auf und füllten damit ihr Sommerloch. Die Debatte um die 102 Milliarden Euro Steuergeldern für die Bank Hypo Real Estate und das kollektive Versagen unserer ökonomischen und politischen Elite verschwand damit geschickt hinter dieser individuellen Lappalie.

Die Bild entdeckte sogar Ihr Herz für den Plastikflaschensammler und macht so schon mal im Sommertheater die Verschwendungssucht der Sozis für den künftigen Abbau von Sozialleistungen, in den Sozialkassen sollen bis Ende 2010 rund 30 Milliarden Euro fehlen, den Einsparungen bei der Bildung und den weiteren Privatisierungszwang bei allen Einrichtungen der Daseinsvorsorge verantwortlich.

Die Solidarisierungswelle der Springer Presse mit dem Volk rollt: “Wir riechen ja nur den Auspuff. Wir sind ja nur Sklaven, Steuerzahler, Fußgänger, Hartz-IV-Empfänger, Trottel, Plastikflaschensammler. Wir sind ja nur das Volk,” texten da neuerdings die Hofschranzen, die doch sonst stets das Loblied der sozialen Marktwirtschaft trällerten.

Nur es gibt und gab keinen Skandal außer diesem, dass ein Autodiebstahl gerade zu einem hochgeschrieben wird. Denn die Mitglieder der Bundesregierung dürfen ihren Dienstwagen nutzen, wo und wie sie wollen, auch privat, klärt „Die Zeit“ ihre Leser auf. Ulla Schmidt hätte dafür nicht einmal dienstliche Termine in Alicante wahrnehmen müssen, denn Bundesminister gelten als "immer im Dienst".

Eine Kampagne für die Lohnerhöhung der Zimmermädchen in der Hotelbranche, die mit ihren Stundenlohn von 3,56 € einfach nicht den Umsatzeinbruch bei Aldi stoppen wollen, ist im Springer Verlag dagegen nicht geplant. So ein Verstoß gegen den Mindestlohn eignet sich nicht als Skandal, Lohndumping und Ausbeutung ist für diese Zeitung kein Thema. Beweist doch das Unternehmen, das auch den Bundestag putzt, dass es den Sinn der Bild-Kampagne verinnerlicht hat, indem es seinen Zimmermädchen gestattet ihr Salär mit Pfandflaschen weiter auf zu bessern. Das Sammeln von fremden Pfand-Bons führt dagegen immer noch zur sofortigen Kündigung.

Der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt wähnt die schwer gebeutelte deutsche Wirtschaft bereits wieder auf dem Wachstumspfad. Er vergisst dabei aber selbstverständlich nicht sein mahnendes Gebet, seine Mantra via Bild, direkt an die Lohnempfänger der Republik, sie mögen doch im Sinne des Aufschwungs und in der Verantwortung gegenüber der Konjunktur in diesen schweren Zeiten auf Gehaltserhöhungen verzichten. Der Vorschlag, den Lohnausgleich durch Flaschen sammeln zu umgehen, der war anscheinend noch nicht bei ihm angekommen.

Was soll’s, da der Arbeitslohn zukünftig eh durch Pfandflaschen gesichert ist, besteht natürlich auch für unsere Regierung keine Notwendigkeit mehr, die Börsenregeln zu ändern, die Börsenumsatzsteuer einzuführen und die Offenlegung und Standardisierung der ganzen Derivate fest zu schreiben, die diese Misere ausgelöst haben. Auch auf eine wirksame Gesetzgebung, die den Gefälligkeitsgutachten der Rating-Agenturen einen Riegel vorschiebt, kann bis zur Wahl getrost verzichtet werden, denn dieser Skandal der Tatenlosigkeit unserer Volksvertreter, der findet in unserer Presse kaum statt.

Als gelernter Sozialdemokrat beklagt Lafontaine da zwar wieder mal die individuelle Verlegerschuld, wenn er mahnend daran erinnert, dass die Medien im Besitz von 10 reichen Familien sind und dass diese eine Medienbarriere gegenüber allem aufgebaut haben, was nicht zum neoliberalen Lager gehört und das damit die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung von der systemrelevanten Bewusstseins-Industrie nicht aufgegriffen werden.

Nur als einer, dessen Herz links schlägt, hätte Lafontaine bei Marx den schönen Satz gefunden: „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein!“ nur das wollen weder die Verleger noch Lafontaine, dann schon lieber „Wohlstand für Alle“ durch Plastikpfandflaschen.