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Mit Pauke & Ragtime




Die Trommeln werden gerührt ... und der rote Wedding marschiert... das konnte ja damals, Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre nichts werden.

Ragtime wäre da angebracht gewesen, meine Damen und Herren von der Linken, das untergräbt die Moral des Klassenfeindes! Eine synkopierte Melodieführung im Kontrast zum starren Rhythmus der Marschkolonnen. Der Takt wird dabei einfach zerlegt und dann beginnen selbst die Downbeats zu steppen. Die Schläge sind nicht länger einer metrischen Hierarchie unterworfen, der Takt ist aus seinem starren Korsett befreit und die Zeitorganisation des Metrom ist entmachtet, die Revolution tanzt und mit ihr die Verhältnisse.

Wer A schreibt sollte auch den Kreis nicht vergessen. Ich spiele ja hier auch nicht den Blechtrommler, sondern haue auf die Pauke. Der Kreuzberger Pfandleiher schwor Stein und Bein, dass die der Neuss mal bei ihm für eine Monatsration Shit eingetauscht hatte und seitdem warte ich auf seine Inspiration aus dem Jenseits. Auf die vom Neuss, nicht auf die vom Pfandleiher. Hallelujah, sag i! Das Leben ist die Umsetzung von Materie in Lust, sag i! Nischt, kein Musenkuss, dabei schulde ich meinen Träumen noch eine Handvoll Leben.

Kann aber auch sein, dass der Neuss jetzt auf seiner Wolke 7 ins kalifornische Exil rübergemacht hat und ich hier weiter vergebens auf seine göttlichen Eingaben warte. Bei Arni gibt es Cannabis auf Krankenschein, ganz legal. Seitdem hat das legendäre Berliner „Dann geh doch nach drüben!“ in der Szene wieder Konjunktur. Wir sollten alle auf Transatlantiker umschulen und statt auf eine Tasse Tee zu Guido, lieber auf einen Joint zu Arni gehen. Nur das Leben gibt es gratis, der Rest ist aber dafür käuflich.

Nach der Befreiung aus der Volksgemeinschaft, also vom Herrenmenschentum, HERRschaftsverhältnisse setzen immer auch das Vorhandensein von Knechten voraus, also von Personen, die außerhalb und unterhalb der Schicksalsgemeinschaft der Nation stehen, da hielt mit den amerikanischen Soldaten eben nicht die Barbarei, sondern wieder die Kultur Einzug in die Trümmerlandschaft des 1000jährigen Reiches.

Es war nur Pech, dass es jetzt den »prägenden Gründergestalten der Bonner Republik« wie etwa dem ersten Bundestagspräsidenten, Eugen Gerstenmaier, zu dem Ihm Bischof Wolfgang Huber erkor, oblag, die rational auflösbaren Rätsel der deutschen Vergangenheit nach dem Untergang erneut als Mysterium irrational zu verklären.

Verwies der Bischof Heckel am 22.September 1939 – also drei Wochen nach Kriegsbeginn – beim Leiter der Kulturpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt, dem damaligen SS-Sturmbannführer Max Lorenz – zuständig für die Fünfte Kolonne der Nazis im Ausland und später einer der Schwiegerväter Axel Springers, noch stolz darauf, dass sein Protege Eugen Gerstenmaier ein Angehöriger des SA-Reitersturmes 1/29 war, so legte der Herr Bundestagspräsident Gerstenmaier natürlich nach 1945 besonderen Wert darauf, dass nicht er, sondern nur sein Pferd in der SA war. Er selbst war nur SA-Anwärter, und das eigentlich auch nur, um weiter seinem Hobby als christlicher HERRENreiter frönen zu können.

In seiner 1937 gedruckten Dissertation »Schöpfung und Offenbarung« kommt Gerstenmaier, dieser Demokrat der ersten Stunde, zu der Erkenntnis: »Wo ein Volk nichts mehr davon weiß, dass ihm Blut und Boden, Rasse und Landschaft zur geschichtlichen Tat« gegeben seien, da verspiele es »die eigentliche Geltung seiner völkisch-geschichtlichen Existenzbedingungen«. Um ein paar Seiten später das »Gesetz des Kampfes als vernichtenden Widerstreit« gegen »Strukturstörungen« durch »blutmäßig-rassische Vermischung« zu beschwören.

Mit dieser Habilitationsschrift machte er dann in der CDU, diesmal als Widerstandskämpfer, weiter Karriere und zog erneut gegen den Kulturverfall durch die Halbstarken der 50ziger Jahre zu Felde. Damals bot der Rock 'n' Roll mit seinen revolutionären Klängen und Rhythmen ein Ventil für die Ängste und Emotionen der Jugendlichen der Arbeiterklasse, deren Väter auf den Schlachtfeldern vermoderten und deren politische Eliten schon wieder dabei waren die gerade frisch gewonnenen Freiheiten unter den Muff der Talare zu ersticken.

Auch die Berliner Alfred Lion und Francis Wolff passten weder zum Zeitgeist der „Blut und Boden, Rasse und Landschaft“ Apologeten von vor 45 noch zu eben diesen Verteidigern, die danach die verknöcherte Idylle der Adenauer Zeit bewahren wollten. Zum Glück konnten Beide, bevor diese selbst ernannten Rasseschützer zur „geschichtlichen Tat“ schreiten konnten, emigrieren. Die beiden Deutsch-Juden flohen in die USA und gründeten dort 1939 das legendäre New Yorker Jazzlabel »Blue Note Records«.

Während also der spätere zweithöchste Repräsentant der Bonner Republik in der kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes unter Bischof Theodor Heckel einer Kultur diente, die im Geiste von Hitlers Reichsbischof (»Reibi«) Ludwig Müller, dem ehemaligen Wehrkreispfarrer von Königsberg, einen überzeugten Nationalsozialisten und bedingungslosen Gefolgsmann Hitlers, auf die Vernichtung von Menschenleben gegründet war, da untergruben die beiden leidenschaftlichen Jazzfans in New York den christlichen germanischen Rassenwahn mit einer Musik, die das Lebensgefühl des schwarzen Amerika ausdrückte.

Doch Leute wie Gerstenmaier, Globke, Filbinger etc. die schlüpften nach 1945 problemlos in die Rolle der „verfolgenden Unschuld“ , ein Diktum von Karl Kraus, Leute, die den Juden bis heute nicht den Holocaust verziehen haben und die sich danach sofort wieder als Vertreter der Kultur einer Herrenrasse begriffen und jetzt damit haderten, dass die Knechte der einst eroberten Fremdvölker schon wieder ihre ökonomische Verwertbarkeit, diesmal hinter dem „Eisernen Vorhang“ , verweigerten und trotzdem leben wollten.

Unter dem Titel, von Alfred Lions Credo: »It must schwing« zeigt das Jüdische Museum in Berlin noch bis zum 7. Februar 2010 eine Ausstellung mit Fotografien von Francis Wolff, der die Tonaufnahmen des legendären „Blue Note“ Labels mit seiner Kamera begleitet hat. Zu sehen ist eine intime Porträtgalerie herausragender Jazzmusiker, darunter John Coltrane, Art Blakey, Miles Davis, Dexter Gordon, Herbie Hancock, Thelonious Monk, Bud Powell, Sonny Rollins, Horace Silver und Jimmy Smith.

Heute, in einer Zeit, in der Krieg wieder enttabuisiert wird, in der die Traditionspflege des „Töten Lernens“, in der soldatische Tugenden wieder en vogue sind, da wird die Vertreibung der Marschmusik durch den Jazz, den Blues und den Rock’n’Roll in bürgerlichen Kreisen schon wieder gerne als Kultur-Imperialismus gebrandmarkt. Aber nur, weil die bürgerliche Fahnenflucht in den Antikapitalismus der Nachkriegsjahre, - die humanistische Volksfrontlogik eines Picasso, eines Neruda oder eines Bertolt Brecht - , erfolgreich mit den zig Millionen Dollar von CIA und FBI gestoppt wurde und dann ab sofort nur noch die Moral der Weißwäscher wieder Konjunktur hatte, die weiße, christliche, versteht sich, mit ihrem ewigen „mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“ und eben nicht die Moral der Lebensfreude, die des Jazz, die Moral des Widerstandes gegen jede Form von Unterdrückung und Fremdherrschaft.

Denn »die neue deutsche Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat zu schützen, sondern der neue Staat wurde gegründet, um eine Armee gegen die Sowjets ins Feld zu stellen ...« schrieb Rudolf Augstein 1961 im Spiegel, und er musste es wissen. Schließlich hatte er schon 1948 eine Rundreise zu den maßgebenden Hitlergeneralen unternommen und anschließend ihre Wünsche Konrad Adenauer in dessen Privathaus übermittelt.

Mit diesen Perspektivwechsel auf den Gründungsmythos der Bundesrepublik, überrascht noch immer Otto Köhler, der ehemalige Medien-Kolumnist beim ehemaligen Nachrichtenmagazin Spiegel, der für sein Lebenswerk mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet wurde, und dem ich auch mein Wissen über den Gottes- und Rassenstreiter Eugen Gerstenmaier verdanke.

Wen wundert es da noch, wenn auch Adolf Heusinger, der General, der Hitlers Angriffsplanungen fachkundig ausgearbeitet hatte, nahtlos seine Karriere ab 1948 fortsetzen konnte, als er aus der vom CIA kontrollierten Organisation Gehlen heraus, dem späteren BND, die, wie er sich unmissverständlich ausdrückte, »Remilitarisierung« Westdeutschlands betrieb.

Die Blue Notes, die ihre afrikanischen Wurzeln mit den Sklavenschiffen erst über den großen
Teich in die Staaten und dann zurück nach Europa geschleppt haben, die verweigerten sich allerdings schon immer musikalisch jedem Dreiklang. Ein Volk, ein Reich, ein ... die ewige Trinität, konserviert im christlichen Monotheismus und Führerkult, die wurde mit ihnen akustisch gesprengt. Die Bluesmusiker vertrauen noch heute nur ihrem subjektiven Empfinden, sie ließen und lassen sich dabei einfach aus dem abendländischen Tonsystem „herausfallen“ und sie sind damit frei.

Als 2000 die amerikanische Originalausgabe von Empire erschien, die erste große theoretische Synthese eines anbrechenden Millenniums, von Toni Negri und Michael Hardt, da wurde dieser Wälzer selbst in der NEW York Times als „Meister Theorie“ begrüßt.

Dabei fußte diese neue Weltordnung, diese „nächste große Idee“ (NYT) auf einen Zitat von Jerry Rubin: "Die neue Linke entsprang ... Elvis' kreisenden Hüften."

Bringen wir die Verhältnisse zum tanzen, lasst uns leben und den Rest dieses Systems, indem die Entscheidungsprozesse nicht mehr beim Bürger liegen, sondern bei einem nach eigener Logik prozessierenden System der Kapitalverwertung, den schaffen wir dann auch noch.

„It must schwing, Baby!“