Sarrazinismus & Symbiose
Die Grenzen zwischen Satire und Realität scheinen immer noch aufgehoben. Was gestern noch als böswillige Entgleisung an den Pranger des gesellschaftlichen Konsens gestellt wurde, was gestern noch die feuilletonistischen Stammtischkrieger zur Verteidigung der christlichen Kulturhoheit und ihrer ethischen Werte an ihre Schreibtische trieb, ist von der Wirklichkeit längst überholt.
Dass eine Symbiose das Zusammenleben von unterschiedlichen Arten beschreibt, dürfte hinlänglich bekannt sein. Weniger bekannt ist, dass so eine Symbiose zwischen der Art des homo politicus und der Art des homo oeconomicus oft zu Neurosen und Psychosen führt, und damit zu schwereren seelischen Störungen. Unter Medien-Fachleuten, den Pulsfühlern der Volksmeinung und den Gerüchterastellis der Bewusstseins-Industrie, spricht man dann vom „Sarrazinismus“.
Für die dem Volkswohl verpflichteten Beschwichtigungsspezialisten, die schon genug unter dem Kreuz des Wählers zu leiden haben, knabbert der Sarrazinismus an den Eckpfeilern einer gesunden, einhelligen und damit ausgesprochen wirtschaftlichen Volksmeinung, die es erst dem homo oeconomicus erlaubt, in dieser Symbiose zu überleben. Die medialen Zwecklügner bescheinigen uns daher auch täglich, dass es nicht mehr boomt, sondern neuerdings arg bröckelt im ökonomischen Gebälk und der Gürtel wieder mal enger zu schnallen ist.
Nicht umsonst konstatiert der leicht unterkühlte Aufsteiger aus der allparteilichen Konzeptionsfindungskommission, dass bei Symbiosen zwischen Lebewesen, die sich durch ihre ökonomische Größe erheblich unterscheiden, man den größeren Partner oft als Wirt und den kleineren als Symbiont bezeichnet. Als Volksaufklärer hat er gelernt, sich mit hochgekrempelten Ärmeln und einem bildschirmtauglichen, treuherzigem Augenaufschlag immer auf die Statistik zu berufen, also auf diese Symbiose zwischen Wahrheit und Lüge, auch bekannt als Regierender-Sachzwang.
Der Symbiont, der in Talk-Shows als Prekariat wahrgenommen wird und der früher als Proletariat mal die Signale der sozialen Marktwirtschaft vernommen hatte und der heute nur noch seine Armani-Kettchen zu verlieren hat, dieser Symbiont ist in seiner ausgeprägtesten Form auch als Simulant bekannt, aber nur, wenn er beabsichtigt die Haltbarkeit seiner sozialen Hängematte zu testen.
Tatsächlich erfordert jede Symbiose eine strikte „Kontrolle“ und „Überwachung“ des Partners, damit das „Ausnutzen“ einer Leistung ohne Gegenleistung verhindert wird. (Wikipedia) Denn jeder Mensch ist ein Markt und er muss deshalb dankbar sein, wenn er verkauft wird. Deshalb sprechen wir bei der bundesrepublikanischen Form der Symbiose auch von Marktwirtschaft.
Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD), der Namenspatron des Sarrazinismus, der seine Rolle als Wirt in dieser Symbiose ernst nimmt, und deshalb auch solange einschenkt, bis der Krug am sozialen Brunnen bricht, möchte dieses Ausnutzen einer Leistung ohne Gegenleistung im Sinne einer gesunden Symbiose verhindern und ist deshalb auch bereit: "Für fünf Euro jederzeit arbeiten zu gehen, denn das wären 40 Euro am Tag."
Für die rot-rote Regierung in Berlin war das wie ein Schlag ins Gesicht, hatte sie doch erst im vergangenen Sommer eine Bundesratsinitiative für einen Mindestlohn in Höhe von 7,50 Euro gestartet, schreibt das führende investigative deutsche Nachrichten-Magazin aus Hamburg und erklärt seinen Lesern: „Auch wenn diese Initiative gescheitert war, bleibt der flächendeckende Mindestlohn eines der wichtigen gemeinsamen Themen für SPD und Linke.“
Anstatt nun dem Beispiel unseres geliebten Berliner Finanzsenators zu folgen, der seinen Job jetzt sogar für 5,-Euro die Stunde machen will, mauert der Bundesrat neuerdings mandatsträger- und flächendeckend. Dabei wäre Sarrazin sogar bereit, statt im 20. Stock zu sitzen und den ganzen Tag nur Anne Will und den Rechenkunststücken von Friedbert Pflüger im Fernsehen zu folgen, seinen Senatoren Job auch ein bisschen in Schwarzarbeit zu erledigen. „Und das geradezu erleichtert“, wie er versicherte.
Weit davon entfernt sich an diesem 5-Euro-Wirt zu orientieren, maulen seine Kollegen weiter rum und sind nicht einmal bereit für 7,50 Euro ihr Politikerdasein als Wirt, im Sinne einer gesunden Symbiose, zu fristen.
Dabei kann Ihnen jeder Sarrazinist vorrechnen, dass man sich sogar als Hartz-IV-Empfänger mit vier Euro am Tag gesund ernähren kann, ohne, dass das Übergewicht zum Problem wird. Da fragt sich natürlich jeder Medienkonsument, was ist schlimmer für einen deutschen Politiker, Sarrazinismus oder Rote Socken?
Diese, einander entgegengesetzten, evolutionären Tendenzen können so gedeutet werden, schreibt Wikipedia, dass ein „Wettlauf“ zwischen den Symbiosepartnern stattfindet, als dessen Ergebnis der gegenseitige Nutzen sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränkt.
Für einen waschechten Sarrazinisten besteht dieser kleinste gemeinsame Nenner dann aus einem öffentlich in Trainingsanzügen rumschlurfenden Volksvertreter, der als verbeamteter Versprecher bleich und übel riechend im Plenarsaal herumhängt, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist, das sie ihm schon am Bundeverdienstkreuz geschmückten Hals rauskommt und der gezeichnet mit dem Mal des "Arschloch-Faktors", wie einst Siegfried mit dem Lindenblatt, sich von nichts mehr von seinen Nichtwählern unterscheidet.
Der Ronald Pofalla, der Kurzwarenvertreter der CDU, der noch immer Rote-Socken als Resteposten im Sonderangebot führt, der erklärte zum Sarrazinismus: „Wir werden parteiübergreifend in den nächsten Tagen gründlich analysieren, was dieser Sarrazinismus innerglobal bedeutet, und ich persönlich gehe davon aus, dass es möglich sein wird, einen Konsens zwischen einem Volksvertreter und einem Kurzwarenvertreter zu erarbeiten, der es meiner Partei möglich macht, genauso wie ich als Kurzwarenvertreter eben Kurzwaren verkaufe, wir in völliger Übereinstimmung, dann als Volkvertreter das Volk ...... äh.....
Wie in jedem Geschäft geht es, auch in der politischen Symbiose um Kundenfang, nur das der Wähler, also der homo politicus, auch noch die Fangkosten bezahlt. „Der Fisch subventioniert den Fischer!“ stellte an dieser Stelle schon vor Jahren Dieter Hildebrandt fest.

Von Sarrazin lernen, heißt Siegen lernen!
"Wer als Hartz-IV-Empfänger genug Kraft für ein Ehrenamt findet, der sollte dann die Kraft da hineinlegen, Arbeit zu finden", forderte Berlins Sparsenator Thilo Sarrazin im September 2007. Recht hat er! Denken Sie daran, auch Sie leben im Kapitalismus! Also gründen Sie vor der nächsten Randale eine Ich-AG für Demobedarf und betreiben Sie dieses Geschäft nicht weiter ehrenamtlich! Setzen Sie unbedingt den Verfassungsschutz auf Ihre Lieferanten-Liste. Der Klassiker von 68, das Molli-Modell Peter Urbach, der Schlagzeilenbringer schlechthin, der mit dem bundesamtlichen Echtheitssiegel, ist immer noch im Angebot! Schaffen Sie neue Arbeitsplätze beim Staatsschutz. Denken Sie daran, laut Sarrazin können Sie als Berliner ohne Abschluss mehr für die Konjunktur tun, als unsere bayerischen Politiker mit Abschluss. Oder so ähnlich.


