Humanitäre Streubomben und Müsli-Riegel
Die Grenzen zwischen Satire und Realität scheinen immer noch aufgehoben. Was gestern noch als böswillige Entgleisung an den Pranger des gesellschaftlichen Konsens gestellt wurde, was gestern noch die feuilletonistischen Stammtischkrieger zur Verteidigung der christlichen Kulturhoheit und ihrer ethischen Werte an ihre Schreibtische trieb, ist von der Wirklichkeit längst überholt.
Am Donnerstag, den 22. Mai 2008, um 04:04 Uhr meldete Associated Press aus Washington:
„Die USA haben ihren Widerstand gegen ein internationales Verbot von Streubomben bekräftigt. Ein solches Abkommen gefährde die weltweite Sicherheit und verhindere humanitäre Hilfseinsätze der US-Streitkräfte, sagte ein ranghoher Vertreter des US-Außenministeriums am Mittwoch in Washington.“
• news.yahoo.com
Über diese humanitären Hilfseinsätze mit Streubomben konnte ich mir schon vor 7 Jahren, für das kurz darauf der Zensur zum Opfer gefallene taz-forum, ein paar kleine Anmerkungen nicht verkneifen. In diesen 7 Jahren scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die AP-Meldung von gestern legt wieder einmal beredtes Zeugnis ab, vom Bewusstseinsstand des „imperium americanum“ und von dem der deutschen Politiker, die immer noch behaupten, am Hindukusch werde unser aller Freiheit verteidigt.
Frei nach einem deutschen Klassiker könnte man schlussfolgern: „Jedoch der schrecklichste der Schrecken - Das ist der Mensch in seinem Wahn." Da haben die westlichen Freiheitsverteidiger seit ihrer humanitären Offensive am 7. Oktober 2001 mehr als 1200 Tonnen Munition mit abgereichertem Uran in Afghanistan verschossen und damit weite Teile des Landes verseucht. 7 Jahre danach kommt es immer noch zu schweren Missbildungen bei Neugeborenen, zu zahlreiche Fehlgeburten und zu einem gehäuften Auftreten von Krebs und anderen schweren Krankheiten. Wegen der langen Halbwertzeit von Uran - mehrere Milliarden Jahre - kann ein Ende der Verstrahlung Afghanistans nicht abgesehen werden. Die wochenlangen Flächenbombardements, ohne jedes strategische Ziel, kann man dagegen fast schon als kleine Show-Einlage für die heimatliche Nachrichtenfront abhaken.
Die Geschichten über Kinder, die zwischen den Splitterbomben auf den Feldern Rattenlöcher ausgruben um an die Getreidekörner in den Vorratshöhlen der Nagetiere zu kommen, und die Alarmmeldungen der UNO über eine drohende Hungerkatastrophe führten damals zu einem medialen Image-Desaster dieses Freiheitskampfes an der Heimatfront und bewogen deshalb das US-Militär zu einer humanitären Gegenoffensive. Auf die kleinen, gelben, runden Streubomben folgten die kleinen, gelben, viereckigen Versorgungspakete mit einem Müsli-Riegel
Vor drei Jahren, auf der Suche nach einem Zitat von Albert Camus, fielen mir zwei leicht vergilbte Seiten, eng bekritzelt mit Notizen, kaum noch lesbar, die als Lesezeichen überlebt hatten, wieder in die Hände. Da die website, die diesen chat damals noch einmal veröffentlicht hatte, über ein gutes Archiv verfügt, habe ich sie letzte Nacht, nachdem ich die AP-Meldung über die „humanitären Streubomben“ gelesen hatte, wieder rausgesucht.
| Streubombe oder Müsli Riegel ?
Weiß eigentlich jemand, wann im Afghanistan-Ratequiz Halbzeit ist? Da alle Übertragungs-, Uhrheber- und Verwertungsrechte beim US-Militär liegen, ist man gar nicht mehr auf dem Laufenden. Ich meine diese witzige Entertainment-Einlage des Pentagon: „Mama! Da liegt was „Gelbes!" Und jetzt ein Spurt durchs Minenfeld, wer Pech hat, scheidet aus. Die Glücklichen, die es schaffen, dürfen jetzt raten: „Bombe?????" oder „Müsli-Riegel??????" Gelb und klein sind beide, die gelben Runden waren … oder waren es die gelben Viereckigen???? Wenn es jetzt knallt, war es leider falsch und wenn nicht, winkt als Belohnung ein Müsli-Riegel. ... und dann wieder zurück auf Start. Aber bitte nicht denselben Weg benutzen, dass wäre dann doch zu einfach. Moment, ... CNN, . Breaking News, ... der Sprecher des Pentagon gibt Entwarnung: „In dem Teil, wo wir die kleinen gelben Runden abwerfen, … werfen wir keine kleinen gelben Viereckigen ab und umgekehrt natürlich." Wirklich nett von diesen Bush-Kriegern. Aber Vorsicht! Bei Halbzeit werden die Seiten gewechselt. Ahhh …, jetzt meldet Spiegel-Online, da haben wieder einige Kinder die Spielregeln nicht kapiert, die haben doch tatsächlich versucht aus den kleinen, runden Gelben ihre Müsli-Riegel raus zu puhlen. Viel Pech meine Lieben. Zur Verhinderung weitere Kollateralschäden bitte unbedingt CNN gucken, liebe Kinder, oder Spiegel Online lesen. Wie ihr habt keinen Fernseher und könnt auch nicht lesen, na das ist dann aber doppeltes Pech. |
und dann, am 3.11.
| Schon wieder dieser Militärsprecher aus dem Pentagon auf CNN: „Amerika hat ein Herz für Kinder!", na bitte, hab ich doch immer gesagt, … "Die Kinder konnten die kleinen, runden Gelben nicht von den kleinen, viereckigen Gelben unterscheiden." ... erklärt der Militärsprecher, na so was aber auch, wer hätte so etwas für möglich gehalten.
Jetzt ändert man die Spielregeln: "Ab demnächst sind die mit dem Müsli-Riegel blau. verspricht der Sprecher aus Amerika, ... aber waren das jetzt die kleinen, runden Blauen ... oder die kleinen, viereckigen Gelben ... oder doch die kleinen, viereckigen Blauen und ... Egal, ihr werdet es schon selber rausfinden müssen. Und solange man im Pentagon am anmalen ist, gibt es natürlich keine Müsli-Riegel. Echt Schade, aber vielleicht erzählt Euch Onkel Bush eine Ziegengeschichte, damit das Warten nicht so lang wird, … oder etwas über die geistig moralische Wende seiner Demokratie. Ach ja, ihr habt ja gar keinen Fernseher ... wie unzivilisiert ... aber macht gar nichts, die nächste B52 hebt sowieso gerade ab, euer Nachbar feiert nämlich Hochzeit ... |
Diese Geschichte ist keine Satire, sondern sie war und ist, liest man die AP-Meldung, noch immer bittere Realität. Die nicht explodierten kleinen, runden gelben Sprengkörper aus den Streubomben führen noch heute zu zahllosen Verstümmelungen und Toten, besonders unter den Kindern. Nur diese Geschichten werden in die Echokammern unserer Medienkanäle eben nicht penetriert, da kämpft man nur gegen den Terror, aber dass man den selber täglich hundertfach produziert, dass wird verschwiegen.
Das Zitat von Albert Camus, das ich damals gesucht hatte, stammt aus dem Buch:
„Unter dem Zeichen der Freiheit“, und lautet:
„ ...sind die Verbrechen des Staates unendlich viel zahlreicher als die Verbrechen der Einzelmenschen. Die Leute, die das meiste Blut vergiessen, sind eben diejenigen, die das Recht, die Logik und die Geschichte auf ihrer Seite zu haben glauben."
... und den Mainstream, Senor Camus, könnte man anfügen, eben Associated Press, direkt aus Brainwashington …


