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Geschwurbeltes als Trennkost



„Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken!“ und stöbere mal wieder in dem kleinen Küchenlatein von Wolfgang Neuss rum. Geistige Trennkost für Anfänger. Die Genossen aus dem Willy Brandt Haus handhaben ja die intellektuelle Trennkost genauso, wie sie es bei der kulinarischen Trennkost, am Tisch vom Basta Kanzler, gelernt haben, auch bei der sind sie immer noch fest davon überzeugt, dass es absolut ausreichend ist, wenn man zwischen der Nahrung und dem leeren Teller trennt.

„Das alltägliche Brot, ist das Recht des Volkes,“ wie das Mitglied des Wohlfahrtausschusses Louis Antoine-Leon de Saint-Just 1789 erkannte, eben, denn von Maultaschen, Bienenstich und Frikadellen war schon damals nicht die Rede. Dabei soll es ja in der Politik zugehen wie in einem Schweinestall, behauptet der Parlaments-Insider und Grünen-Gründer Dieter Drabiniok, „die Schweine wechseln, die Tröge bleiben.“

Bei Müntefering entartet diese Selbsterkenntnis eines ökologischen Privatiers dagegen zu einer restaurativen Sprachübung aus der BamS & Glotzenszene, zu einem „Gipfel der Flachheit“. Letzteres bezeichnet man dann im gehobenen Feuilleton der FAZ gerne als Oxymoron, also als eine Gewürzmischung im Wortsalat, bei der eine Formulierung aus zwei gegensätzlichen, einander (scheinbar) widersprechenden oder sich gegenseitig ausschließenden Zutaten gebildet wird. Der „Gipfel“, das sind in dem Fall die Tröge und der Fraktionszwang kaschiert dabei dann die „Flachheit“. Das Gewissen, dem jeder Abgeordnete einzig verpflichtet ist, das bleibt dabei weiterhin absolut rein, denn es wurde ja vorsichtshalber erst gar nicht benutzt.

Der Umbau von Staat und Gesellschaft, alles gemäß dem Neoliberalen Glaubens Dogma, vom „Third Way“ bis Hartz IV, der wurde auch in der vergangenen Legislaturperiode mit Hilfe der SPD erfolgreich fortgesetzt. Die dem Zeitgeist geschuldeten Attacken gegen die Heuschreckenschwärme und den Verfall der sozialen Marktwirtschaft in eine Mc. Kinsey Gesellschaft, die ließen zwar kurzfristig die Partei leicht vibrieren, wie das EhNaMag damals meldete, nur in Politik umgesetzt, dass wurden diese Attacken natürlich nicht, sie blieben Lippenbekenntnisse, wie der schöne Spruch von Sigmar Gabriel, dem designierten neuen Parteivorsitzenden: „Unternehmen mögen überflüssige Mitarbeiter haben, aber die Gesellschaft hat keine überflüssigen Menschen.“

Es war und ist Polit-Pop für das Infotainment, eine inszenierte Rebellion, en vogue nur als Placebo für die eigene Basis, denn das Abstimmungsverhalten vor allem bei Angriffen auf die Sozialsysteme weist fast 80% der SPD-Abgeordneten als konsequente Überzeugungstäter aus.

Weil die Partei den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit längst aufgegeben hatte, deshalb bekämpften ihre Abgeordneten jetzt umso konsequenter die Arbeitslosen.

In etwa zehn Prozent der sozialen Volksvertreter fallen dabei unter die Rubrik der Mitläufer und nur etwa weitere zehn Prozent fühlten sich ihrem Gewissen und ihren Wählern gegenüber verantwortlich, leisteten sich eine eigene Meinung und stimmten häufiger gegen die Vorschläge der Fraktionsführung.

Das sich nur die Reichen einen armen Staat leisten können, dass hat sich zu den Volksvertretern halt immer noch nicht so ganz rum gesprochen und so bleibt die Steuersenkung auch bei der Tigerenten-Koalition weiterhin die „Mutter aller Reformen“.

Geht es doch mal wieder darum, mit einer Senkung des derzeitigen Spitzensteuersatzes von 42 auf 35 Prozent in der höchsten Stufe vor allem die hohen und höchsten Einkommen zu entlasten. Der mediale Kult um die Erfolgreichen bei einer gleichzeitigen Leugnung jeder Verantwortung für die Verlierer, der sorgt dann dafür, dass die Boni-Zahlungen der Leistungseliten auch weiterhin geschont bleiben.

So ist der Gegensatz zwischen dem Gipfel und der Flachheit eben nur ein scheinbarer, denn Honig und Essig ergänzen sich ja im Salat-Dressing auch auf das Feinste, und der innere Widerspruch eines Oxymorons, ist rein geschmacklich gesehen, deshalb ein gewollter.

60% der Ärzte haben Guido und die FDP gewählt, sie wussten warum, verpflichtet sie doch seit Hippokrates ihre ärztliche Ethik dazu sich um die Kranken in der Gesellschaft zu kümmern.

Im Idealfall dient also so ein Oxymoron der gepfefferten Zunge zur pointierten Darstellung eines doppelbödigen, mehrdeutigen oder vielschichtigen Inhalts, indem das „Sowohl-als-auch“ des Sachverhaltes begrifflich widergespiegelt wird. Wenn Sie bei ihrer täglichen Infotainmentkost zwischen den Aufgaben vom alten Berliner SPD Polizeipräsidenten Zörgiebel und dem Postsanierer Zumwinkel trennen können, dann beherrschen sie auch die intellektuelle Trennkost und begreifen, dass im Dressing beides wieder zusammengerührt wird und stets zusammen gehört.

Seit der verlorenen Bundestagswahl ist deshalb auch Richard David Precht Pflichtlektüre im Willy Brandt Haus im Kampf gegen die ICH-Bezogenheit der sozialen Leistungsträger. Kein Wunder, fragt sich von denen doch seit der Wahl auch jeder täglich, wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Bei der FDP wird die multiple Persönlichkeitsstörung, die dissoziative Identitätsstörung, dagegen nur durch die Anzahl der zu vergebenden Aufsichtsratsmandate begrenzt, so diente unsere Tigerente Guido als gespaltene Persönlichkeit nicht nur dem Volke, sondern
u. a. als Aufsichtsratsmitglied auch immer zuerst der ARAG Rechtsschutzversicherung und als Beiratsmitglied der größten deutschen Versicherungsdrückerkolonne, der DVAG. Der Schutz windiger Anlageberater wurde damit zum liberalen Freiheitsbegriff.

Aber dafür geht es wieder aufwärts mit der SPD, die Mitgliederzahl in der Partei steigt rapide an, denn alle Unterstützer von Kader und Kreise mit multipler Persönlichkeitsstörung zahlen ab sofort pro Identität einen vollen Mitgliedsbeitrag und das puscht dann die Statistik.

Nicht aus zu halten, wenn die Genossen von der SPD Brecht statt Precht als Pflichtlektüre eingeführt hätten, sein Satz: „Wer A sagt muss nicht B sagen, er kann auch erkennen, dass A falsch war,“ der hätte ja die Vorankündigung des großen sozialdemokratischen Inquisitionstribunals am Wahlabend ad absurdum geführt und das SPD-Wahldebakel wäre danach ohne einen Sündenbock am Schandpfahl geblieben.

So aber konnte Müntefering, als medialer Großinquisitor, als frisch vom Seeheimer Kreis gesalbter, als einer, der noch immer tapfer dem Zeittrend hinterher hechelt und dabei stets den Kampf um die Seele der Partei fest im Blick hat, die Übertragungsrechte an der sich abzeichnenden großen Schuldigensuche noch schnell an Zeit und Spiegel verhökern, sich bei der Gelegenheit selbst einem Reinigungsritual unterziehen und zur öffentlichen Ketzer-Verbrennung von Oskar Lafontaine schreiten.

Dieses ultimative Glaubens-Spektakel, angekündigt als Herbert Wehner reloaded Festspiele, mit einer Polonaise der Handvoll echter Funktionsträger der Partei aus der Hans Böckler-Stiftung als Flagellanten, und dem großen Godesberger Gedächtnis Chor, das versprach schon im Vorfeld, mit der Hexenaustreibung der Andrea Ypsilanti, ein echtes Remake historischer, sozialdemokratischer Glaubensschlachten zu werden und die Reihen fest hinter dem Projekt 18 Plus zu schließen. Hat dann zwar nicht so ganz geklappt, weil nur 16,1 % aller zur Wahl berechtigten ihr Kreuz bei der SPD abgeliefert haben, aber geschenkt, c’est la vie.

Die Frage, warum nun ausgerechnet Lafontaine wieder mal reflexhaft gegeißelt wird, die darf natürlich nicht gestellt werden, könnte diese doch eine kopernikanischen Wende in der Partei einläuten. Die Jeremiaden der SPD sind an Lafontaine zu richten, so bestimmt es Müntefering als Partei-Verweser, nur ihm haben die Hassgesänge, der vom Wähler um ihr Mandat gebrachten Volksvertreter, zu gelten.

Müntefering erklärt in der Zeit und im Spiegel, niemand anderes als der einstige Enkel Willy Brandts, der Saarländer Oskar Lafontaine, der habe das SPD-Wahldebakel verursacht. Er habe “aus niederen Motiven” die SPD erst verlassen, dann verraten und dann auch noch Mehrheiten gegen sie organisiert.

„Wohlgemerkt, es handelt sich dabei um den einzigen Politiker des Westens, der die Finanz- und Wirtschaftskrise vor zehn Jahren präzise voraussagte, analysierte und klug bekämpfte - bis sein Kanzler ihn damit auflaufen ließ und dem Gelächter der Banker preisgab. Wir sprechen von dem Mann, der als Einziger den Sekundentod der gesamten DDR-Industrie voraussagte, mit all den fürchterlichen Folgen, dem Absterben eines ganzen Landes. Nota bene ist es auch der Bürger Lafontaine gewesen, der den Wahnsinn der Nato-Nachrüstung beim Namen nannte: Wenn schon so viele Atomwaffen im Land waren, dass man damit den Kontinent sechzig mal auslöschen konnte, dann wird die Sicherheit eben nicht durch noch mehr Atombomben erhöht,“ wunderte sich da selbst die TAZ über den Oskar.

Ach, hätte doch Müntefering nur einmal bei einem der geistigen Väter der SPD, bei Carlos dem Bärtigen, nachgeschlagen dann hätte er geahnt, dass hinter dem Gipfel der Flachheit noch Horizont ist: „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, die ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.“

Nur wer die Spitze der Interpretationskunst im Boulevardmagazin "Spiegel" besetzt halten will, dem erwächst aus dem Verhältnis zwischen Theorie und Praxis ein gewisses Druckpotential, das macht gefügig, rückt die ökonomischen Verhältnisse zurecht und stört danach die Tigerenten auch nicht weiter beim gründeln.