Flatus cerebrum
Staatstragende Revival-Wellen schwappen durch den Mainstream unserer finanzkrisen-geschüttelten Nation zur Freude und Erbauung aller Begriffslegastheniker. Derweil erklärt der Papst, laut spiegel-online, den Götzendienst am Kapital für Teufelszeug und die bundes-republikanische „Couchpotato“-Fraktion, besser bekannt als „white-working-class“ verharrt im ökonomischen TV-Voyeurismus bei Hempels auf dem Sofa, fasziniert von dem Kakao, durch den sie gerade gezogen wird und den zu trinken ihr als erste Bürgerpflicht angepriesen wird. Ein echter Chromosomenscherz.
Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Die Wirtschaftsprognosen befinden sich im freien Fall. Die Bundesregierung stimmt sich und ihre Wähler auf ein düsteres Jahr 2009 ein und die Weltbank befürchtet als Folge der weltweiten Finanz- und Kreditmisere die schlimmste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression, sie sieht noch Schwärzer, ihre Prognose ist noch düsterer als die des Internationalen Währungsfonds, ihrer Schwesterorganisation.
Da unterstellt der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman unserer geliebten Kanzlerin Angie und ihrem Finanzminister Peer eine geistig-ökonomische Minimalkonfiguration und vertraut dem SPIEGEL an, dass den beiden vielleicht die "intellektuelle Beweglichkeit" fehle, um das Ausmaß der Wirtschaftskrise zu erkennen, dabei haben doch beide noch ausdrücklich in ihrem jüngsten Koalitionsvertrag diese intellektuelle Beweglichkeit unter Beweis gestellt, als sie auf Wunsch der ökonomischen Weisen des Shareholder Value das Verbriefungs-system von Schrottpapieren mit erstklassigen Ratings, damals eine gefeierte Finanzinnovation, erst juristisch möglich gemacht haben. Nur leider hat eben auch Paul Krugmann in seinen Kolumnen nicht darauf gedrungen, dass diese modernen Kredite in Form von Kettenbriefen gefälligst vorher von den Banken mit Eigenkapital unterlegt werden sollen und jetzt fällt ihm eben auch nur ein, den Staat, also den Steuerzahler, zur Kasse zu bitten. Ein nobelpreiswürdiger Fall von Flatus cerebrum,
Auch bei den Private Equity Gesellschaften, bzw. den Hedge Fonds, dominiert(e) die Maximierung der Verzinsung des Eigenkapitals alle anderen Belange. Kein Wunder also, dass diese an der derzeitigen Schuldenblase einen großen Anteil haben, aber dafür wurden diese ökonomischen Heuschrecken ja damals auch von Angie und Peer steuerlich besonders begünstigt. Denn die mit wenig Eigenkapital übernommenen Firmen zahlten auf Grund der aufgenommenen Kredite und der dadurch verursachten riesigen Verlustvorträge keine Steuern mehr, d.h. das Finanzamt bzw. die Allgemeinheit subventionierte die Übernahmen.
Heute ruft die Private-Equity-Branche nach dem staatlichen Schutzschirm, der jetzt gebildet werden soll aus eben diesen einst verweigerten Steuergeldern, denn viele der Firmen sind, nachdem sie in die Hände von Finanzinvestoren gefallen waren, heute hoch verschuldet und dadurch massiv von der Rezession betroffen. „Statt der schnellen Renditen steht nun harte Sanierungsarbeit auf der Agenda - oder sogar der Kampf gegen die Insolvenz“, klärt spiegel-online seine Leser auf und droht schon mal mit dem Gespenst der steigenden Arbeitslosigkeit.
Die Kassandra-Rufe „inflationieren“, eine Wortschöpfung unserer Angie, die jetzt die Pendlerpauschale als Konjunkturprogramm entdeckt hat und mit diesem ökonomischen Pups von 7,5 Milliarden Euro, ein laues Lüftchen im Zeitalter der verzockten Billionen, mutig wieder die Konjunktursegel füllen will. Zumindest sprachlich liegt unsere Kanzlerin mit ihrer Wortschöpfung absolut richtig, leitet sich doch der Ausdruck von „inflare“ aufblasen und von „flatus“ dem Darmwind ab.
Mutig hat jetzt auch Papst Benedikt XVI. den Steuerparadiesen auf Erden seinen christlichen Segen entzogen. Denn du sollst dem Kaiser geben, was des Kaisers ist und der gegenwärtige Finanzcrash liegt, laut Benedikt, an den Steueroasen, denn sie würden „durch Steuerhinterziehung eine gigantische Kapitalflucht erlauben und müssten deshalb sofort geschlossen werden“ - als "notwendiger erster Schritt". Das ist O-Ton Heiliger Stuhl laut spiegel-online.
Ob jetzt der Papst auch seine eigene Steuergesetzgebung abschafft, denn der Vatikan ist selbst seit seinem Deal mit Mussolini 1929 de facto eine Steueroase und gehört damit nach Aussage des Heiligen Stuhls, als christliche Taxefree-Zone eigentlich geschlossen, lief bisher noch nicht als Breaking-News über die Ticker.
Sogar in den aktuellen „Yellow Pages“ der EU steht: „Bürger des Vatikans zahlen keine Steuern“. Darüber hinaus genießt die katholische Kirche in Italien jede Menge Steuervorteile hat doch erst 2005 die Regierung Berlusconi die Kirche von allen Steuern auf die meisten ihrer Immobilien befreit.
In dieser vorweihnachtlichen Zeit sollte deshalb auch der Heilige Vater mal wieder einen Blick ins Evangelium werfen, da böte sich Matthäus, 7:3 an: “Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“
Die Sache mit der Steuerehrlichkeit lies auch einen Hartz IV geplagten Leserbriefschreiber der Zeitschrift Ossietzky keine Ruhe, denn dieser beabsichtigte zwischen dem Gang zur christlichen Suppenküche und vor dem Besuch des Arbeitsamtes seine Einkünfte als bettelnde Ich AG noch etwas auf zu bessern. Aber selbstverständlich ist eine Fußgängerzone keine Taxefree-Zone und ein Almosen heischender Musikalartist keine Bank oder gar eine Private Equity Gesellschaft und so belehrte ihn prompt sein Finanzamt darüber, wie dieses denn gedachte, die Kosten für die diversen staatlichen Regenschirme wieder rein zu holen.
»Wenn Sie in der Fußgängerzone zum Betteln gehen“, klärte ihn der Staat auf „und daraus Einkünfte erzielen, sind diese zu melden wie jedes andere Einkommen auch (zum Beispiel Einkommen aus Nachhilfeunterricht). Von den 50,– Euro, die sie einzuspielen beabsichtigen, wird als Freibetrag vorab eine Ausgabenpauschale von 5,20 Euro abgezogen, vom dann verbleibenden Rest von 44,80 Euro werden 30 % = 13,44 Euro als Freibetrag Erwerbseinkommen abgezogen. Das heißt also, dass 5,20 Euro und 13,44 Euro nicht als Einkommen berücksichtigt werden, von 50,– Euro Einkommen aus Bettelei verbleiben Ihnen also 18,64 Euro. Mit freundlichen Grüßen.«
31,36 Euro sollte der musizierende Spendensammler an den Staat abführen. Zu Recht stellte er sich daraufhin die Frage, wer ihm noch einen Euro in seinen Hut wirft, wenn derjenige weiß, dass dieser Euro hauptsächlich für die Finanzierung der Regenschirme zur Rettung der Banken eingesetzt wird.



