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Safari-Partner




In der vorigen Woche schickte mir Terri Wischmann, eine hier in Berlin lebende Journalistin aus Kenia, ihr stark autobiographisch geprägtes Buch „Safari Partner“. Es handelt von Menschen, die sich auf die Reise machen, um im „Mercedes Land“ ihren Traum vom sozialen Aufstieg zu verwirklichen. Es geht um transkontinentale Liebesbeziehungen, die dann am westlichen Alltag scheitern, um Beziehungen, die von der Autorin als opportunistisch gegeißelt werden. Kenia ist das afrikanische Land mit dem höchsten weiblichen Bevölkerungsanteil in Deutschland, die meisten dieser Kenianerinnen sind noch, oder waren bis zur Erlangung einer Aufenthaltserlaubnis, mit deutschen Männern verheiratet.

Das Buch ist ihrer Großmutter gewidmet, einer Frau, die auf der einen Seite den Kampf gegen Jahrhunderte alte Traditionen aufnahm, „nur“ um eine Liebesheirat eingehen zu können und die andererseits stolz an ihren afrikanischen Wurzeln festhielt und diese gegen die Kultur der Kolonialherren und ihrer christianisierten Landsleute verteidigte.

Beim lesen dieser Widmung an die geliebte Großmutter, die erfolgreich allen Arten von kultureller Diskriminierung widerstand, erinnerte ich mich an das berühmte Reisetagebuch von Claude Lévi-Strauss „Die traurigen Tropen“. Da beschreibt er, wie sich die Offiziere während der Überfahrt auf das Leben in der „Neuen Welt“ vorbereiteten, indem Sie die Rolle des Herrenmenschen übten, sie probten auch mental die koloniale „Besetzung eines eroberten Landes“ und wiesen dabei den zivilen Passagieren die Rolle von Eingeborenen zu. Lévi- Strauss beantwortete damals ihre „lärmende Unverschämtheit“ mit einem fatalistischen Blick auf die Destruktivität der eigenen Kultur. „Eine Gärung von zweifelhaftem Geruch“, schrieb er über die westliche Zivilisation, „verdirbt die Düfte der Tropen und die Frische der Lebewesen ... (Sie) verurteilt uns dazu, halb verfaulte Erinnerungen zu sammeln.“

Der Traum vom unbefleckten, echten Leben in den „Tropen“ trifft auch heute noch den Nerv der Zeit. Kenia steht dabei immer noch für das Land, indem Hemingway seine „Machokultur“ auf der Großwildjagd auslebte und für die Heimat vom „König der Löwen“. In ihrer Jugend wurden viele der deutschen Touristen geprägt von den TV- Serien „Ein Platz für Tiere, von Bernhard und Michael Grzimek, die ihre Lebensaufgabe im Umweltschutz fanden, in der Rettung der Wildnis Tansanias, dem Nachbarn Kenias. Ihre inzwischen über 50 Jahre alte Dokumentation "Serengeti darf nicht sterben" beflügelt noch immer die Tourismus-Industrie und hält bei den Bürgern der ersten Welt die Sehnsucht nach einer unverdorbenen Natur wach.

Aber eben auch den Traum von einer tief verinnerlichten weißen Überlegenheit, die heute ihre Entsprechung im Wert ihrer Währung findet und eben den Traum nach der „echten“, alle Klassen- und Kulturschranken überwindenden Liebe. Die Mythen um die „Pocahontas“ dieser Welt leben als Hollywood Romanze weiter. Sie trotzen jeder Aufklärung, sie widersetzen sich jeder kühlen und ernüchternden Analyse, sie bewahren ihren Zauber, entfalten ihre Magie und halten auch für den modernen Touristen noch immer ein sexuelles Glücksversprechen bereit, dem er oder sie sich all zu oft weder entziehen will noch entziehen kann.

Die Verkümmerung unserer Sinne im Herdentrieb der Konsumgesellschaft und die damit einhergehende kulturelle Enteignung in unserer globalisierten Zivilisation führen zu einer „Entfremdung“. Das „Fremde“ wird dabei zum allgegenwärtigen Konsumartikel und so endet die Flucht vor der Moderne am McBurger Stand im Safari-Park. Die Rettung eines glücklichen „Naturzustands“ erweist sich selbst in den Lehmhütten der „Eingeborenen“ als unmöglich, wenn westliche Marken-Labels und Handys auch dort den sozialen Status definieren und wenn die Nachfolgerinnen von Disneys Pocahontas gelernt haben heute als „beach-girls“ zu überleben. Als junge Frauen, die Anmut und Schönheit ihres schwarzen Körpers einsetzen und als Waffe gebrauchen, in der Hoffnung, doch noch ihre Erlösung in der erfolgreichen Jagd nach dem Touristen zu finden, der mit dem Flugticket für sie winkt und sie ins „Mercedes-Land“ entführt.

Die Verarmung der Natur und der Verlust der "Schätze des Glaubens, der Sitten, Gebräuche und Institutionen, die im Laufe von Jahrhunderten entstanden waren und sich entwickelt hatten wie seltene tierische und pflanzliche Arten", diese Verarmung, die ist unserem globalisierten, herrschenden „Bedürfnissystem“ geschuldet, das mühelos alle kulturellen Schranken eingerissen hat.

Mag heute die moderne Tourismusindustrie in Kenia zu immer neuen Opfern von „Safari Partnern“ beitragen, wie die Autorin beklagt, so zeichnet sich doch der Traum vom sozialen Aufstieg dieser „beach-girls“ durch ein biblisches Alter aus. Denn schon im ältesten erotischen Text der Welt, dem „Hohelied Salomos“ wurde diesem Traum ein Denkmal gesetzt.

Es ist dieselbe Form der Sehnsucht mit der sich Berthold Brechts Piraten Jenny beim Abwaschen tröstete und von der die Soap-Operas, die Tele-Novelas und die Liebesromane weltweit leben. Nur ist aus dem einstigen Aschenputtel, das im Märchen auf seinen Prinz wartet, heute das „Pretty Woman“ geworden, das sich in seiner amerikanischen Umsetzung halt einen erfolgreichen Investmentbanker angelt. Der Vorhang fällt mit dem Happy-End, der folgende Alltag, von dem das Buch handelt, der wird im Kino und im Roman in der Regel ausgeklammert.

Auch das Lied der Lieder beginnt mit Küssen, mit dem Wunsch nach Erlösung: „Ziehe mich dir nach und wir werden laufen. Brächte mich der König in seine Gemächer, wir würden jauchzen und uns an dir freuen, mehr als Wein würden wir deine Liebkosungen rühmen. Man liebt dich rundweg,“ und selbst die Selbstanpreisung der Braut folgt dabei, und das nach über 2500 Jahren Literaturgeschichte, noch immer dem Vokabular, wie es in heutigen Kotaktanzeigen überlebt hat, auch wenn dabei inzwischen aus der „Stute am Wagen des Pharaos“ die „Schokomaus für wilde, tabulose Sex-Abenteuer“ geworden ist.

„Schwarz bin ich, aber anmutig - ihr Töchter Jerusalems - wie die Zelte Kedars, wie die Zeltbehänge Schlomos. Schaut nicht darauf, wie ich von der Sonne schwarz gebrannt bin. Die Söhne meiner Mutter erhitzten sich gegen mich. Sie setzten mich als Hüterin in die Weinberge - doch meinen eigenen Weinberg hütete ich nicht.“

Die Winterzelte der Beduinen sind auch heute noch aus schwarzem Ziegenhaar gefertigt und teilweise mit Kuperose glänzend schwarz gefärbt. Die hellere Haut galt dabei schon immer als vornehm, verriet sie doch die Zugehörigkeit zu einer Klasse, die nicht gezwungen war im Freien zu arbeiten und der Weinberg galt allgemein als Sinnbild weiblicher Schönheit und Reize und er stand insbesondere Stellvertretend für das weibliche Geschlechtsteil.

Auch das biblische „beach-girl“ im Hohelied Salomos sehnte sich nach einem Geliebten, einen Erlöser, einem „Safari-Partner“ der sie aus dem Elend direkt ins „Gelobte Land“ entführt. Denn, wie ihre Hollywood Adaption Pretty Woman sah auch Sie keine Chance ihren eigenen Weinberg zu hüten, denn bei Beiden wurde er zum Überleben gebraucht.

Handzettel zum Buch „Safari Partner“ liegen am Counter der COMfactory aus und bestellen können Sie das Buch, wie immer, bei Herrn Westermann im Erdgeschoss.