Berlin, die Hochburg des Lohndumpings
„Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten,“ erkannte schon Karl Kraus, aber die Geschichte vom aussterbenden Beruf des Gerichtsvollziehers, die führte in der vergangenen Woche zu einem Ansturm auf die COMfactory- News-Seite und geisterte kurzfristig als link durch das Netz, bis wohl einem die Kuckucksuhr schlug.
Nur die Daten, die stimmten natürlich auch in der Satire. So meldete dieser Tage wieder mal der Berliner Tagesspiegel, dass die Zahl der Berliner, die neben ihrem Job auf staatliche Hilfe angewiesen sind, weiter steigt. „Sie wächst sogar dramatisch,“ schreibt das Blatt. Knapp 119 000 Menschen sind es heute und damit 20 000 mehr als vor zwei Jahren.
Nach den Angaben von Sozialpolitikern ist Berlin die Hochburg des „Lohndumpings“. Betroffen sind längst nicht mehr nur die Branchen mit traditionell niedrigen Löhnen, wie das Reinigungsgewerbe oder der Wachschutz, sondern auch Rechtsanwälte und Webdesigner, Journalisten und Werber. Die vielen schlecht bezahlten Jobs in der „Kreativbranche“ sind laut Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ein Grund dafür, dass das Durchschnittseinkommen in der Stadt zu den niedrigsten bundesweit zählt – „und sogar geringer ist als im ostdeutschen Durchschnitt“.
Die wirtschaftliche Not der Berliner belastet wiederum den Haushalt des Landes. Denn wer von seiner Arbeit nicht leben kann, bekommt in der Regel einen Zuschuss für die „Kosten der Unterkunft“ – und dieses Geld kommt überwiegend aus dem Landeshaushalt: Die Belastung stieg von 971 Millionen Euro im Jahr 2006 auf 996 Millionen Euro im vergangenen Jahr – Tendenz weiter steigend und deshalb will ja auch der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit jetzt die Berliner Schrebergärten schleifen. Diese Kahlschlagpolitik des rot-roten Senats ist absolut logisch, denn wer schon von seiner Arbeit nicht leben kann, der soll auch nicht als Laubenpieper mit der eigenen Ernte überleben können.
Quelle: Tagesspiegel und Nachdenkseiten


