Penis inter pares
Ein sechzehn Meter langer Penis, als Teil eines Reliefs, montiert an der Seitenwand des taz-Gebäudes - mit Blick auf die BILD-Chefetage- sorgt seit einigen Wochen für ideologische Grabenkämpfe im Berliner-Medienzirkus.
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alle Fotos: © ARTCO Werbedesign / Jürgen Pittack
Um die Deutungshoheit dieses Kunstwerkes ist auf den beiden Seiten der Rudi-Dutschke-Straße ein Machtkampf entbrannt, zu dem natürlich auch mein Geschwurbeltes nicht fehlen darf. Es geht um ein Kunstwerk, um eine moderne Ikonographie im besten hegelschen Sinn, das auf die Vermittlung eines Gedankenkonstrukts basiert. Also eine Arbeit, die pointiert auf die Wirklichkeit zielt, aus der sie erwächst, die aber als systematische Kategorie, als Konstrukt, notwendigerweise abstrakt bleiben muss.
Der Bildhauer Peter Lenk schuf eine, der Formensprache des Comics entlehnte Epigraphik, eine Weihinschrift als Relief, eine kultische Anbetung des Phallus, der seit Jahrtausenden als Symbol für Kraft und Fruchtbarkeit in allen Teilen der Welt verehrt wurde und der noch heute als Ausdruck männlicher Herrschaft, als Phallokratie, unser Bewusstsein bestimmt.
Diese Penis-Verklärung feierte erst jüngst in der äußerst erfolgreiche TV-Serie "Sex and the City" fröhliche Auferstehung, und begreift man Medienkonsum als Seismometer gesellschaftlicher Befindlichkeiten, dann scheint es inzwischen in post-feministischen Zeiten zu einer deutlichen weiblichen Penis-Fixierung gekommen zu sein, denn anders ist kaum zu erklären, warum die Protagonistinnen dieser Fernsehserie das Wort "Schwanz" für den männlichen Geschlechtsteil gefühlt etwa alle zehn Sekunden in den Mund nahmen.
Gedankenkonstrukte sind Kopfgeburten, ihre Vermittlung gelingt nur über das lösen der sie kontaminierten historischen Widersprüche, diese müssen aufgehoben werden und seit Hegel wissen wir, dass sie selbst dann nicht einfach weg sind.
So verläuft auch die Frontlinie in diesem Kulturkampf, und das unabhängig vom jeweiligen Verlagshaus, zwischen einer rein „phallokratischen” Interpretation, die allein auf die „Penis-Cobra“ fixiert ist, die da den Lenden von Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann entwächst und einer Betrachtungsweise, die der Gesamtkonzeption dieser Herrschaftsanalyse Rechnung trägt. Da man Totalität aber nur denken kann, als Begriff, als Kategorie, als System, deshalb entscheidet auch der Blickwinkel auf das monumentale Relief von Peter Lenk darüber, was der Betrachter als zentrales Element, als den Punkt, in dem sich die gesamte Dynamik konzentriert, wahrnimmt.
Die Darstellung der Verlegerin Friede Springer, als vermeintliche Nebenfigur, die eingebunden ist, in einem festen ikonographischen Programm, wie es uns von den Darstellungen von Herrschern oder Heiligen aus dem 14. und 15. Jahrhundert, mit Assistenzfiguren in der Gestalt von Stiftern und Auftraggebern überliefert ist, wird dabei zum Kontrapost. Zu einem Kompositionselement in der bildenden Kunst, welche das Verhältnis zwischen den verschiedenen Kraft- und Bewegungsrichtungen bzw. zwischen der erregierenden Bewegung des scheinbar alles beherrschenden Phallus und der Ruhe der wahren Macht thematisiert.
Damit sind wir wieder bei Hegel, es geht eben nicht nur um die Frage, was kann ich wissen, sondern es geht darum, wie dieses Wissen überhaupt entsteht. Das „Werden“ von „Wahrheit“ war sein Thema, und in ihm verbindet sich nun der Blick von oben, von der Putte, des über der Konzern-Herrin schwebenden Engelchens Axel Cäsar, mit dem Gewordensein von unten, mit dem phallokratischen, auflagengeilen Medien-Monster.
Die ideologischen Schlachten der Emanzipations-Hochphase, die noch den Phallus als Ausdruck des zu bekämpfenden Patriarchats, als männliches Herrschaftssymbol identifizierten, scheinen damit geschlagen zu sein. Die "Lanze" oder der "Speer", beides gängige Umschreibungen für den Schniedelwutz, mit denen der Mann in seiner Rolle als Jäger noch Frauen als Beute erlegte, die wurden hier gesellschaftlich entschlüsselt und auf ihre ökonomischen Zwänge reduziert.
Die Beschwörung der sich mächtig empor wuchtenden Penis-Cobra durch Friedes Flöte, verweist auf die Zähmung ihrer Tintenknechte und auf die Macht der Göttin über die veröffentlichte Meinung. Sie steht dabei stellvertretend für die drei mächtigsten Frauen in dieser Republik, Liz Mohn und Friede Springer, die Herrscherinnen über unsere Bewusstseinsindustrie und ihre Freundin, die Kanzlerin, die nicht nur die vom Machthunger besessene Seilschaft innerhalb der CDU, den Männerbund, der einst als Andenpakt im Spiegel für Schlagzeilen sorgte, domestizierte, sondern die auch Dank der Boulevard Medien die Gunst ihres Volkes genießt und die alle drei angetreten sind, die Privilegien, die sich für die Eliten aus den Gesetzen der Kapitalverwertung ergeben, zu verteidigen.

Foto: © ARTCO Werbedesign / Jürgen Pittack
Der Denkprozess über diese Allegorie, den dabei unser Bewusstseins konstruiert, der findet in der Wirklichkeit seinen Demiurgen. Also je nach Sichtweise, entweder Platons Schöpfergott oder das Proletariat, denn das Wort Demiurg setzt sich zusammen aus demos für „Volk“ und ergos für „Tätigkeit“ und darunter verstand man im antiken Griechenland die Handwerker und Gewerbetreibenden, aber auch die Künstler und die Ärzte, die Demiurgen bildeten den untersten der drei Bürgerstände. Die Dialektik des Seins konstituiert wie immer das Bewusstsein des Dialektischen. Friede Springer steht einem Konzern vor, der 10.000 Mitarbeiter beschäftigt, der jährlich über 2,7 Milliarden Euro umsetzt und dabei einen Gewinn von annähernd 500 Millionen erzielt. Es geht um die Medien als Maschinen für Geld und Macht und um Sex, als ein direktes, massenvermarktbares Produkt.
Auch Brecht hat einst versucht mit den Mitteln der Verfremdung die Herausforderungen zu bewältigen, die ihm die Dialektik selbst stellt, nämlich das abstrakte Wesen der Erscheinung zur konkreten Darstellung zu bringen, ohne dass die Darstellung selbst wieder zur bloßen Erscheinung wird. In seinem Theaterstück »Der gute Mensch von Sezuan« erklärt er das Wesen der Kapital-Gesellschaft in der Doppelrolle der Shen Te, indem er den fiktiven Vetter Shui Ta die Zwänge des systemimmanenten Kapitalverwertungsprozesse verkörpern lässt.[1]
Mit diesen Doppelrollen spielt auch der Bildhauer Peter Lenk, denn der Phallus steht für „das Geschäftsmodell der Bild-Zeitung, aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer ihren wirtschaftlichen Vorteil zu ziehen. Es geht um die Methode, Intimes und Privates vorzuführen und damit Kasse zu machen, es geht um einen Journalismus, der nicht der Aufklärung und der Erziehung zur Mündigkeit verpflichtet ist, sondern der Sensationslust und Verdummung,“ fasst Mathias Bröckers in der taz seine Sichtweise zusammen. „Für dieses zynische Geschäftsmodell, aus dem die christliche Unternehmerin, die Bibelverlegerin und Bundeverdienstkreuzträgerin Friede Springer ihren Profit saugt, dafür hat die taz ihre Hauswand als Pranger zur Verfügung gestellt.“
Dialektik ist oft ausgesprochen komisch, weil der »gesunde Menschenverstand« mit Schlüssen konfrontiert wird, die er oft so nicht erwartet hat, aber genau das ist das Elend mit den Kulturpfaffen aller Couleur, von der Bild bis zur taz, ein Künstler schenkt der Welt die Schönheit des Verstehens, und sie ringen die Hände über die moralischen Konsequenzen.
Dabei verschwand erst mit dem Christentum die Phallussymbolik in den Untergrund des Dämonischen, des Nächtlichen oder des Teuflischen. Die Sexualfeindlichkeit der Kirche erkor sich das männliche Glied als Attribut für die Potenz des Teufels, sie verdammte damit den kleinen Freudenspender, sie predigte irdische Keuschheit und machte nun ausgerechnet an ihm die ganze menschlichen Misere im Jammertal des irdischen Daseins fest.
Damit wurde das Gedankenkonstrukt über die Fruchtbarkeit und dem irdischen Reichtum und damit über die mögliche gesellschaftliche Fülle wieder der Herrschaft von Eliten unterworfen. Der Phallus ist und war, seit der Zeugungserkenntnis, dabei zwar schon immer, zu mindestens auf der Ebene des Mythos, das schöpferische Werkzeug per se. Und wenn der griechische Gott Kronos seinen Vater Uranos mit der Sichel entmannte, dann vollzog er die Machtübernahme auf einer ganz fundamentalen, körperlichen Ebene, genauso wie heute Friede Springer, das Objekt kultischer Verehrung ihres Bild-Chefs entmannt, wenn sie seinen Penis nach den Flötentönen der Kapitalmaximierung tanzen lässt.
Zuweilen hatte der Phallus als Fascinum auch abergläubische Bedeutung, als Schutz gegen den „Bösen Blick“, aber bevor das Prekariat diesen Schutz wieder für sich entdeckt, da folgt es lieber einer rein sexuellen Symbolik, denn noch im Pompeji des 1. Jahrhunderts war der im Straßenpflaster eingelassene Penis ein Wegweiser zu Bordellen, nur dass es sich damals noch nicht um Medienbordelle handelte.
Quelle:
• Der entkettete Knecht. Philosophische Perspektiven auf Brecht und Hacks und Hegel





