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Systemlogik: Soylent Green



Wenn der Milchmann dreimal klingelt und die Flaschen mit der schwarzen Milch in der Frühe vor deine Tür stellt, wenn er dir plaudernd erzählt, das Margarete und Sulamith nie Schwestern waren, dann sind es nur noch ein paar Jahre bis 2022.

Wenn der Mensch, was seine humanistischen Ideale und seine Freiheitstauglichkeit betrifft zum unergründlichen Geheimnis verklärt wird und nur noch seine Ausbeutbarkeit zur Erforschung freigegeben wird, dann sind die Noten für den Tanz schon gedruckt.

Wenn Systemlogik die Lust auf und am Leben selektiert, wenn alle Werte nur noch als ökonomischer Sachzwang gedacht werden dürfen, wenn die mythischen Kräfte des Marktes das Schlangen-Ei bebrüten, dann wird kein Rauch mehr aufsteigen in die Lüfte, denn dann ist es Zeit für Soylent-Green.

Und wir trinken sie abends, wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts wir trinken und trinken … in den ersten drei Wochen fanden sechshundertfünfzigtausend Flaschen mit der schwarzen Milch einen Dürstenden, bis Weihnachten wird sie von eineinhalb Millionen Menschen getrunken worden sein und bei den täglichen Gratisproben die uns verabreicht werden, da haben sich dann bis zum „Fest der Liebe“ zwölf Millionen Menschen an ihr infiziert, prognostiziert F. Schirrmacher in der FAZ. Dabei darf der Weinberg von Sulamiths Schwester schon seit 2000 Jahren nicht mehr gewässert worden sein.

Der Milchmann argumentiert verständlich, schön und diszipliniert. Er schaufelt nur Statistiken, keine Gräber. Das Ungeheuerliche, das er mitzuteilen hat, das wirkt fast schon sachlich. Die Präzision mit der er einem sozialen Tod die Geigen dunkler streichen lässt, der bannt den Schrecken. „Der implizite Mindestlohn in Deutschland ist unrentabel hoch,“ pfeift er nach seinem Rüden, „die Jobs für gering Qualifizierte, die werden wegrationalisiert,“ eröffnet er das Spiel mit den beiden Schlangen.

Pech, dass dieser “implizite Mindestlohn”, der als Hartz IV Satz durch die Medien geistert, eigentlich nach dem sozialen Existenzminimum berechnet worden sein soll und wenn dieser Satz unrentabel hoch ist, dann ist offensichtlich auch die ganze Existenz ihres Empfängers unrentabel.

Der Milchmann schlägt die Werbetrommel des Zeitgeistes, den Takt bestimmt „TINA“ und schon lässt das politökonomische Konzept die Fugen tanzen, mit der erneuten Markteinführung der schwarzen Milch wurde die mediale ideologische Offensive verschärft. Die kommunikative Durchschlagskraft des Katastrophenszenarios erleichtert dabei den Abbau von Grundrechten und von den Resten des Sozialstaates. Die blauen Augen kennen keine Brüder.

Wir erleben ein Herrschaftssystem, das erneut mit dem Niedergang seiner Legitimationskraft kämpft und die alten Mechanismen zur Absicherung dieser Herrschaft, die erleben eine neue Konjunktur. Der Milchmann dreht im Mainstream wieder seine Runden und bietet „die schwarze Milch der Frühe“ zur Verkostung an und wir trinken und trinken und.......

Epilog: Zwischen 1880 und 1940 fand in Czernowitz eine der unerhörtesten Explosionen von Kreativität statt, die es in Europas Kultur je gegeben hat. Im heiklen Ungleichgewicht von fünf Sprachen - Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch - und im Aufeinandertreffen von mittelalterlicher Dorffrömmigkeit der Popen und Chassiden und humanistischer Moderne von Universität und Labor schossen die Genies eine Generation lang nur so empor. Eine Kleinstadt mit nur achtzigtausend Einwohnern beherbergte für einen kostbaren Moment das Denken der ganzen Welt.