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Bild-Tribunal




Mathias Döpfner, der Vorsitzende des Vorstandes des Springer-Verlages verblüffte seine Zunft mit der Ankündigung eines Remakes des legendären "Springer-Tribunal" vom 9. Februar 1968 im kommenden Oktober in Berlin. Bevor er jetzt aber das Fingerfood für seine seelische „Sado-Maso-Show“ für Verlagsleiter bestellt und die Wahrheit im Prosecco sucht, sollte er lieber zuerst etwas bei Gerd Koenen, den Chronisten der Protestbewegung nachschlagen. Denn der hat schon vor Jahren auf die Dialektik zwischen „den 68ern“ und der Springer-Presse als "unauflöslichen double-bind von narzisstischer Selbstinszenierung und medialer Vermittlung" hingewiesen. Die "hysterischen Schlagzeilen, Berichte und Karikaturen von 'B.Z.', 'Morgenpost', 'Welt' und 'Bild'" hätten den "jugendlichen Protestlern" erst jene "umstürzlerische Bedeutung zurückgespiegelt, die sie sich selbst unbedingt zuschreiben wollten" schrieb Koenen in seinem Buch "Das rote Jahrzehnt" , erschienen bei 2001 und der „Alt-68er“ Klaus Hartung ergänzt süffisant: "Die 'Bild'-Zeitung insbesondere legte uns schon auf die Revolution fest, als diese für uns noch ein historischer Begriff war."

Der Slogan: „Bürger runter vom Balkon, alle Macht dem Vietcong“, ließ eben schon damals nur die Feuilletonisten an den Ausbruch der Revolte glauben, denn jeder „Slogan“ findet laut Elias Canetti seinen Ursprung im „sluagh-gairm“ , dem Anruf der Geister, der Seelen der gefallenen toten Krieger der Kelten. Die Machtfrage, die immer eine ökonomische ist, wurde erst gar nicht gestellt. Man begnügte ich mit dem Voodoo-Zauber eines Pudding-Attentats und beschwor den Revoluzer-Geist indem man Spendengelder für Fahrräder für den Vietcong einsammelte. Der Springer Verlag hatte mit seiner Ikone der Demokratie, die den Kampf gegen die Zone und den Russen, der da immer vor der Tür stand, symbolisierte, der Berliner Freiheitsglocke, als Geschenk der Verbundenheit für die gefallenen Krieger des US-Imperiums, die Steilvorlage geliefert.

Zu der Zeit soll sich das zweitgrößte "Bild"-Archiv in der Berliner Kommune 1 von Rainer Langhans, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und Uschi Obermaier befunden haben. Akribisch hefteten die Kommunarden jeden Artikel ab, der noch die kleinste Straßenaktion zum gefährlichen revolutionären Umtrieb hochjubelte. Alles unter dem Motto: Viel Feind, viel Ehr' , erfahre ich auf spiegel-online.

Damals galt die Bewusstseins-Industrie, die sich für viele nur aus den Besitz von Verlagen erklärte, noch als die eigentliche Schlüsselindustrie unseres Jahrhunderts heute ist sie dagegen zum redaktionsfreundlichen Umfeld von Marketing Kampagnen verkommen, das wahre Leben ist dabei sich in die Blogger-Szene zu verlagern.