Wer veräppelt da eigentlich wen?
Politiker rügen "Verbraucherveräppelung" lese ich gerade auf spiegel-online. Die Kundentäuschung sei ein "Skandal", Anbieter von Imitat-Lebensmitteln sollten öffentlich gemacht werden, fordern unsere Volksvertreter in seltener Eintracht im Mainstream.
Nur das täuschen der Verbraucher, das Unterschieben billiger Ersatzstoffe, die Trennung von Kultur, und dazu gehört auch die Esskultur, von dem, was wir als Zivilisation bezeichnen, diese Trennung der Kultur von der tatsächliche Welt des alltäglich Daseinskampfes, die hat schon Herbert Marcuse thematisiert.
In seinem, in den 30er Jahren veröffentlichten, Aufsatz "Über den affirmativen Charakter der Kultur" stellt er unsere Kultur als einen „Akt der Feierstunde und der Erhebung" des Wahren und des Schönen dar. Das Jammern unserer politischen Elite über die Mogelschinken, die sich aus Stärkegel, Aromastoffen und kleinen, dekorativen Fleischstückchen zusammensetzen, das Jammern über den berüchtigten Analogkäse, der aus Wasser, Pflanzenfett, Milcheiweiß, Stärke, Aromen und Farbstoffen, zusammengepanscht wird, dieses mediale Lamento, das entlarvt sich schnell als Appell an eben dieses „Wahre und Schöne“, denn diese erbaulichen Feiertagsreden haben mit dem täglichen Daseinskampf nichts zu tun, weil sie „das Elend der Massen ignoriert und damit auch keine Utopien auf dessen Veränderbarkeit beinhaltet,“ wie damals Marcuse ausführte.
Kultur hat immer auch mit Herrschaft zu tun. Fleisch wurde schon immer als Synonym für einen Rest-Wohlstand verstanden, nur so ist auch Georg Büchners Satz vom „Huhn im Topf eines jeden „Arbeiters“, der den gallischen Hahn verenden macht“ zu verstehen.
Im Verhältnis von Kultur und Zivilisation war die "Kultur stets das Vorrecht einer kleinen Minderheit, eine Sache von Reichtum, Zeit und zufälligem Glück. Für die benachteiligte Volksmasse waren die ‚höheren Werte' stets bloße Worte oder leere Ermahnungen, Illusionen, Täuschungen..."
Wenn das Bayerische Landesamt für Gesundheit seit 15 Jahren akribisch den durchschnittlichen Fleischgehalt von Schinkenimitaten prüft, und dieser Fleischgehalt nach ihren Zahlen seit 1993 von rund 82 Prozent auf teilweise unter 50 Prozent in den vergangenen Jahren gesunken ist, dann spiegelt sich in diesen Zahlen eben auch die Lohnentwicklung in diesen Jahren wieder. Vergleichsstudien unter den europäischen Ländern, neben Deutschland auch Frankreich, England, Spanien und Bulgarien, attestieren Deutschland bei eben dieser Lohnentwicklung in schöner Regelmäßigkeit den Platz als Schlusslicht der Erhebungen.

Wenn hier in Berlin rund 362.000 der 1,1 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten unter 900 Euro netto pro Monat verdienen, und damit ein Viertel aller Erwerbstätigen ein Einkommen unterhalb der Pfändungsgrenze hat, dann ist es eine geradezu zwingende ökonomische Notwendigkeit, dass der Schinken im Supermarkt-Regal nur noch einen Fleischanteil von 38 Prozent aufweist.
Pierre Bourdieu hat im Zusammenhang von Herrschaft und sozialer Ungleichheit den Kapital-Begriff erweitert. Bewusst stellt er neben dem ökonomische Kapital und dem Kapital aus Beziehungen auch das kulturelle Kapital. Der Zugang zu diesem Kapital, in der Form von "Kulturkompetenz" wurde dem Prekariat aber schon immer verleidet, dass zeigt sich auch in unserer täglichen Esskultur. Sie ist eine Basis "materieller und symbolischer Profite". Georg Büchners „Huhn im Topf“, als Synonym für den Zugang zu Wohlstand, wird damit als kulturelles Kapital einer Ernährungskultur zum wichtigen Indikator für die soziale Stellung und die Möglichkeit der Teilhabe in und an unserer Gesellschaft.
Nur diese Zusammenhänge, die den eigentlichen Skandal bilden, die verschweigen unsere Politiker. Bertolt Brechts Statement, dass "Demokratisch nur ist, was den ‚kleinen Kreis der Kenner' zu einem großen Kreis der Kenner macht", das gilt eben nicht nur für das Theater, die Musik bzw. die Literatur, dieses Statement gilt ganz besonders auch für die Kultur unserer täglichen Nahrungsaufnahme. Aber an der Änderung dieser Zustände, daran ist schon Upton Sinclair gescheitert, als er sich in seinem Roman „The Jungle“ von 1906, mit der amerikanischen Fleischkonserven-Industrie in Chicago anlegte.


